Jan Milic Lochman Stipendium
Benefizkonzert für das Jan Milic Lochman Stipendium des Ev. Studienhauses Meierhof, Riehen
Martina Holder,
Würdigung von Jan Milic Lochman anlässlich des Benefizkonzerts in der Dorfkirche Riehen am 26.10. 2012
Es wäre eine Anmassung alle Stationen und wichtige Linien des Denkens von Jan Milic Lochman heute Abend in wenigen Minuten aufzählen zu wollen.
Und doch ist es meinem Mann und mir ein Anliegen Streiflichtern gleich auf wenige wichtige Akzente hinzuweisen, damit das Stipendium hier in Riehen nicht nur einen Namen erhält, sondern dass wir als Ev. Studienhaus und Kirchgemeinde merken, dass sich mit dem Namen auch ein Erbe und ein Vermächtnis verbinden.
Jan Milic Lochman war mit Basel und mit Riehen sehr verbunden. Beispielsweise erinnern sich die Schwestern der Kommunität Diakonissenhaus Riehen an Seminare und Gespräche mit ihm, aber auch an Predigten, die er dort über viele Jahre hielt.
Auch in unserer Kirchgemeinde oder im Predigerseminar St. Chrischona war er ein gern und oft gesehener Gast.
Ob als Studentin, Studenten, Gemeindemitglied, interessierter Weltenbürger – Jan Milic Lochman hatte für sein Gegenüber stets ein offenes Ohr und ein echtes Interesse. Der fragende, suchende Mensch war ihm wichtig, er nahm wahr woher dieser kam, welche Kultur, Philosophie oder politisches Regime ihn prägte. Diese Offenheit strahlte aus und brachte ihn mit vielen Menschen unterschiedlicher Konfessionen, Religionen oder Lebensanschauen in Kontakt. Berührungsängste kannte er nicht.
1922 wurde Jan Milic Lochman in Böhmen, in Nove Mesto, geboren. Dort verbrachte er eine glückliche Kindheit. Er entstammte einer evangelischen Familie, die erlebte, dass evangelische, hussitische und katholische Christen in Toleranz miteinander lebten. Diese Erfahrung prägte ihn und seine spätere Vision von gelebter Ökumene, für die er sich als ‚ökumenischer Grenzgänger‘ und später im Ökumenischen Weltkirchenrat engagierte.
Die düstere Nazizeit erlebte er als Heranwachsender mit, eine Erfahrung, die das eigene Suchen nach Wahrheit und Toleranz in ihm verstärkten. Er entschloss er sich mit dem Theologiestudium zu beginnen, in seiner biographischen Rückschau beschreibt er sein Ringen:
„Ich war schon lange an Theologie interessiert, aber aus eigenem Antrieb hätte ich damals der Philosophie und der Literatur den Vorzug gegeben. Mich schreckte der geistliche Dienst ab. Auch wenn ich einige überzeugende Pfarrer kennen gelernt hatte, traute ich mir selbst diesen Dienst als Pfarrer nicht zu.“ (Wahrheitssuche und Toleranz, 54)
Das Wagnis, Theologie zu studieren, ging er dennoch ein und wurde schon kurze Zeit später zu einem, wie er schreibt, zum ‚interimistischen Geistlichen‘ seiner Kirche berufen, da in diesen Kriegs-und Nachkriegszeiten jede Hilfe wichtig war. So musste er Religionsklassen unterrichten, Jugendgruppen unterstützen; Theologiestudium und kirchliches Engagement gehörten zusammen.
„Als der Krieg zu Ende war, tat sich für uns“, so schreibt er in seinem Buch, „der Weg nach Europa, ja in die ganze Welt auf. Es mutete schicksalshaft an, dass meine erste Reise ins Ausland ausgerechnet nach Basel führte.“ (Wahrheitssuche und Toleranz, 62)
Dort fand die erste Nachkriegskonferenz der europäischen christlichen Studentenschaft statt, an der er mitwirkte. Für ihn war Basel ein Ort, den er mit konkreten Personen und Ereignissen verband, die sich für Glaubwürdigkeit und Diskurs einsetzten, die Rückgrat zeigten und zuweilen unbequem waren. Auch Karl Barth war für ihn so ein Fels in der Brandung, der dem braunen Sturm trotzte und nicht aufhörte über christliche Verantwortung nachzudenken, auch und gerade nach dem Krieg.
Nach einem Auslandsaufenthalt in Schottland, wo ihn die Begegnung mit Reinhold Niebuhr entscheidend beeinflusste, arbeitete er dann in Basel an seiner Dissertation und wohnte bei Familie Ott an der Bäumlihofstrasse – die Strasse, die buchstäblich Riehen mit Basel verbindet.
1947 kehrte er dann in seine Heimat zurück, wieder waren Studium und kirchliche Verantwortung auf engste verknüpft. Trotz diesen vielen Verpflichtungen nahm er gleich nach bestandener Dissertation seine Habilitation in Angriff. In Prag wurde er dann von seiner Kirche gebeten, ein Studienhaus, das theologische Hus-Seminar als Spiritual zu führen. Dieses war zwar um einiges grösser als unser Studienhaus in Riehen, doch verbindet die beiden Häuser die geistliche Ausrichtung und die Durchführung von Lektüreabenden und Andachten. Dabei war ihm die persönliche seelsorgerliche Begleitung Studierender ein wichtiges Anliegen. Hier wurden Beziehungen geknüpft, die er pflegte und sich nach dem Ergehen der einzelnen Pfarrpersonen auch Jahre nach dem Studium interessierte. Diese Zeit war auch durch politische Unruhen geprägt, die repressiven Polizeiaktionen des Sozialismus erlebte er genauso wie staatliche Kontrollen, denen theologische Häuser und kirchliche Orte ausgesetzt waren. In diesen intensiven Jahren lernte er auch seine Frau kennen, dem Ehepaar wurden vier Kinder geschenkt.
Zu den Studienhausverpflichtungen und dem Engagement für die Ökumene kam nun eine Berufung als Professor für Systematische Theologie. In seinen Lebenserinnerung ‚Wahrheitssuche und Toleranz‘ finden sich eindrückliche und mutige Beispiele seiner Tätigkeit.
Der Berufung in Prag folgte eine Gastprofessur in New York und kurze Zeit später der Ruf an die theologische Fakultät hier in Basel. Eine reiche Lehrzeit folgte, in seinen 23 Jahren Lehrtätigkeit hier in Basel war er mit vielen Studierende im Austausch, viele theologisch Interessierte kamen von weit her. Die Universität ehrte ihn 1982 mit der Wahl zum Rektor.
Jan Milic Lochman selbst lehrte nahezu auf allen Kontinenten als Gastprofessor und interessierte sich stets für das kirchliche Leben vor Ort. Weil wir bereits zwei Studierende aus Südkorea in Riehen begrüssen durften, erwähne ich diese Verbindung heute Abend besonders.
Zu seinem 80. Geburtstag wurde ihm eine Festschrift gewidmet: „Theology between East and West“, die seinen Weg und sein Schaffen treffend beschreiben und Mut machen, humanistisches und reformatorisches Erbe auch für unsere Gegenwart zu diskutieren.
Wir freuen uns, dass das zukünftige Stipendium des Ev. Studienhauses seinen Namen tragen wird und daran erinnert, dass ‚Wahrheitssuche und Toleranz‘ ein wichtiges Vermächtnis ist. Es bleibt ein Wagnis, Theologie zu studieren, das Fragen, Zweifeln und Ringen auszuhalten. Das Studienhaus soll Menschen Mut machen und die Zeichen der Zeit diskutieren, nicht als Selbstzweck, sondern in der Verheissung, die uns durch die Schrift und das Evangelium anvertraut worden ist.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Pfrn. Martina Holder
Es wäre eine Anmassung alle Stationen und wichtige Linien des Denkens von Jan Milic Lochman heute Abend in wenigen Minuten aufzählen zu wollen.
Und doch ist es meinem Mann und mir ein Anliegen Streiflichtern gleich auf wenige wichtige Akzente hinzuweisen, damit das Stipendium hier in Riehen nicht nur einen Namen erhält, sondern dass wir als Ev. Studienhaus und Kirchgemeinde merken, dass sich mit dem Namen auch ein Erbe und ein Vermächtnis verbinden.
Jan Milic Lochman war mit Basel und mit Riehen sehr verbunden. Beispielsweise erinnern sich die Schwestern der Kommunität Diakonissenhaus Riehen an Seminare und Gespräche mit ihm, aber auch an Predigten, die er dort über viele Jahre hielt.
Auch in unserer Kirchgemeinde oder im Predigerseminar St. Chrischona war er ein gern und oft gesehener Gast.
Ob als Studentin, Studenten, Gemeindemitglied, interessierter Weltenbürger – Jan Milic Lochman hatte für sein Gegenüber stets ein offenes Ohr und ein echtes Interesse. Der fragende, suchende Mensch war ihm wichtig, er nahm wahr woher dieser kam, welche Kultur, Philosophie oder politisches Regime ihn prägte. Diese Offenheit strahlte aus und brachte ihn mit vielen Menschen unterschiedlicher Konfessionen, Religionen oder Lebensanschauen in Kontakt. Berührungsängste kannte er nicht.
1922 wurde Jan Milic Lochman in Böhmen, in Nove Mesto, geboren. Dort verbrachte er eine glückliche Kindheit. Er entstammte einer evangelischen Familie, die erlebte, dass evangelische, hussitische und katholische Christen in Toleranz miteinander lebten. Diese Erfahrung prägte ihn und seine spätere Vision von gelebter Ökumene, für die er sich als ‚ökumenischer Grenzgänger‘ und später im Ökumenischen Weltkirchenrat engagierte.
Die düstere Nazizeit erlebte er als Heranwachsender mit, eine Erfahrung, die das eigene Suchen nach Wahrheit und Toleranz in ihm verstärkten. Er entschloss er sich mit dem Theologiestudium zu beginnen, in seiner biographischen Rückschau beschreibt er sein Ringen:
„Ich war schon lange an Theologie interessiert, aber aus eigenem Antrieb hätte ich damals der Philosophie und der Literatur den Vorzug gegeben. Mich schreckte der geistliche Dienst ab. Auch wenn ich einige überzeugende Pfarrer kennen gelernt hatte, traute ich mir selbst diesen Dienst als Pfarrer nicht zu.“ (Wahrheitssuche und Toleranz, 54)
Das Wagnis, Theologie zu studieren, ging er dennoch ein und wurde schon kurze Zeit später zu einem, wie er schreibt, zum ‚interimistischen Geistlichen‘ seiner Kirche berufen, da in diesen Kriegs-und Nachkriegszeiten jede Hilfe wichtig war. So musste er Religionsklassen unterrichten, Jugendgruppen unterstützen; Theologiestudium und kirchliches Engagement gehörten zusammen.
„Als der Krieg zu Ende war, tat sich für uns“, so schreibt er in seinem Buch, „der Weg nach Europa, ja in die ganze Welt auf. Es mutete schicksalshaft an, dass meine erste Reise ins Ausland ausgerechnet nach Basel führte.“ (Wahrheitssuche und Toleranz, 62)
Dort fand die erste Nachkriegskonferenz der europäischen christlichen Studentenschaft statt, an der er mitwirkte. Für ihn war Basel ein Ort, den er mit konkreten Personen und Ereignissen verband, die sich für Glaubwürdigkeit und Diskurs einsetzten, die Rückgrat zeigten und zuweilen unbequem waren. Auch Karl Barth war für ihn so ein Fels in der Brandung, der dem braunen Sturm trotzte und nicht aufhörte über christliche Verantwortung nachzudenken, auch und gerade nach dem Krieg.
Nach einem Auslandsaufenthalt in Schottland, wo ihn die Begegnung mit Reinhold Niebuhr entscheidend beeinflusste, arbeitete er dann in Basel an seiner Dissertation und wohnte bei Familie Ott an der Bäumlihofstrasse – die Strasse, die buchstäblich Riehen mit Basel verbindet.
1947 kehrte er dann in seine Heimat zurück, wieder waren Studium und kirchliche Verantwortung auf engste verknüpft. Trotz diesen vielen Verpflichtungen nahm er gleich nach bestandener Dissertation seine Habilitation in Angriff. In Prag wurde er dann von seiner Kirche gebeten, ein Studienhaus, das theologische Hus-Seminar als Spiritual zu führen. Dieses war zwar um einiges grösser als unser Studienhaus in Riehen, doch verbindet die beiden Häuser die geistliche Ausrichtung und die Durchführung von Lektüreabenden und Andachten. Dabei war ihm die persönliche seelsorgerliche Begleitung Studierender ein wichtiges Anliegen. Hier wurden Beziehungen geknüpft, die er pflegte und sich nach dem Ergehen der einzelnen Pfarrpersonen auch Jahre nach dem Studium interessierte. Diese Zeit war auch durch politische Unruhen geprägt, die repressiven Polizeiaktionen des Sozialismus erlebte er genauso wie staatliche Kontrollen, denen theologische Häuser und kirchliche Orte ausgesetzt waren. In diesen intensiven Jahren lernte er auch seine Frau kennen, dem Ehepaar wurden vier Kinder geschenkt.
Zu den Studienhausverpflichtungen und dem Engagement für die Ökumene kam nun eine Berufung als Professor für Systematische Theologie. In seinen Lebenserinnerung ‚Wahrheitssuche und Toleranz‘ finden sich eindrückliche und mutige Beispiele seiner Tätigkeit.
Der Berufung in Prag folgte eine Gastprofessur in New York und kurze Zeit später der Ruf an die theologische Fakultät hier in Basel. Eine reiche Lehrzeit folgte, in seinen 23 Jahren Lehrtätigkeit hier in Basel war er mit vielen Studierende im Austausch, viele theologisch Interessierte kamen von weit her. Die Universität ehrte ihn 1982 mit der Wahl zum Rektor.
Jan Milic Lochman selbst lehrte nahezu auf allen Kontinenten als Gastprofessor und interessierte sich stets für das kirchliche Leben vor Ort. Weil wir bereits zwei Studierende aus Südkorea in Riehen begrüssen durften, erwähne ich diese Verbindung heute Abend besonders.
Zu seinem 80. Geburtstag wurde ihm eine Festschrift gewidmet: „Theology between East and West“, die seinen Weg und sein Schaffen treffend beschreiben und Mut machen, humanistisches und reformatorisches Erbe auch für unsere Gegenwart zu diskutieren.
Wir freuen uns, dass das zukünftige Stipendium des Ev. Studienhauses seinen Namen tragen wird und daran erinnert, dass ‚Wahrheitssuche und Toleranz‘ ein wichtiges Vermächtnis ist. Es bleibt ein Wagnis, Theologie zu studieren, das Fragen, Zweifeln und Ringen auszuhalten. Das Studienhaus soll Menschen Mut machen und die Zeichen der Zeit diskutieren, nicht als Selbstzweck, sondern in der Verheissung, die uns durch die Schrift und das Evangelium anvertraut worden ist.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Pfrn. Martina Holder