UNSICHERHEITSVERMEIDUNG
Während der Jahre bei mission 21 habe ich mich berufsbedingt mit «interkultureller Kommunikation» beschäftigt. Damit wir als einander Fremde sinnvoll miteinander umgehen können, müssen wir uns bewusst machen, worin wir uns denn tatsächlich fremd sind. Dass ein Land wie Brasilien, also auch Brasilianerinnen und Brasilianer anders «ticken» als wir in der Schweiz, und dass der so genannte gesunde Menschenverstand in Russland anderes für vernünftig hält als in Indonesien, ist eine banale Beobachtung. Erst wenn wir genauer hinschauen, welchen Grenzlinien entlang wir uns voneinander unterscheiden, werden wir uns besser verstehen oder zumindest verständigen können.

Ein Begriff aus der Fachliteratur, der eine solche Grenzlinie bezeichnet, hat es mir besonders angetan: «Unsicherheitsvermeidung». Nicht überall auf der Welt können und wollen Menschen gleich mit den Unsicherheiten und Unwägbarkeiten des Lebens umgehen. Ich habe lange in einem Land gelebt, in dem das Bedürfnis nach Unsicherheitsvermeidung sehr schwach ausgeprägt ist. Deshalb fällt mir besonders auf, dass für uns in der Schweiz die Unsicherheitsvermeidung höchste Priorität hat. Wir sind das Land mit den meisten Versicherungen. Möglichst alles soll bei uns schriftlich geregelt sein, auch Ausnahmen wollen wir definiert haben. Der Satz, der uns charakterisiert (und auch immer wieder einiges verhindert), lautet: «Es chönnt jo jede cho!»

Eine Krise wie die gegenwärtige ist deshalb eigentlich nichts für uns, denn sie ist durch eine hohe Unsicherheit bestimmt. Niemand kann wissen, was hinter der nächsten Kurve kommt. Niemand hat die verlässlichen Angaben, die es erlaubten, eine Landkarte zu erstellen, auf der der beste Weg durch Corona und aus Corona hinaus einzuzeichnen wäre.
Wir müssen uns jeden Tag, jede Woche neu zurechtfinden, und ich denke, das gelingt uns erstaunlich gut. Vielleicht lernen wir ja – neben vielem anderem – auch, dass wir mit deutlich mehr Unsicherheiten als sonst überleben und sogar gut leben. Deshalb bleibe ich zuversichtlich, wenn ab heute die Einschränkungen unserer Bewegungsfreiheit und Handlungsmöglichkeiten in einem grossen Schritt gelockert werden. Die Frage, ob diese Lockerungen zu früh oder zu spät kommen, zu weit oder zu wenig weit gehen, kümmert mich nicht sonderlich. Vielleicht lernen wir auf erstaunliche Weise die Wahrheit dessen, was Jesus schon damals sagte (Mat 6, 34):

Macht euch also keine Sorgen um den kommenden Tag –
der wird schon für sich selber sorgen.
Es reicht, dass jeder Tag seine eigenen Schwierigkeiten hat.

Herzlich

Benedict Schubert

Das Foto des asiatischen Radfahrers im Nebel hat eine Dorothe freundlicherweise im Netz zur Verfügung gestellt: pxhere.com/de/photographer/901221

Eine sehr entspannte Variante des «Sorget nicht» können Sie von Bob Marley hören:
www.youtube.com/watch?v=EYi5aW1GdUU

Und eine, die nahe am biblischen Text entlang ihr Vertrauen singt, auch wenn es dann eher etwas pathetisch herauskommt, ist Lynda Randle: www.youtube.com/watch?v=DUfaqVDD3bQ