Chrischonatäli_Sonne
SICH ORIENTIEREN KÖNNEN
Vor einigen Tagen habe ich die Panoramatafel an der Kirchmauer von St. Chrischona mit der Bibel verglichen. Als ich am vergangenen Donnerstagmorgen durch den Regen via Chrischonatäli zur Chrischona hoch fuhr, war auch über die kurze Distanz der Kirchturm nicht zu sehen, den ich vor ein paar Tagen noch vom gleichen Ort aus klar gesehen und fotografiert habe.

Der Regenmorgen liess mich jenen Gedanken weiterspinnen, dass die Bibel uns auf Höhen und Weiten hinweist, die wir an manchen Tagen nur glauben, aber nicht erkennen können. Wenn wir nicht einmal mehr sehen können, wo sich die Panoramatafel befindet – wie sollen wir dann noch von den Bergen wissen?

Eine Freundin bemerkte kürzlich am Telefon, die Kirche sollte doch deutlicher kommunizieren, was sie an Gutem tut. Ich antwortete: Die Kirche versucht es, aber sie wird nicht mehr gehört. Wir haben ein Resonanzproblem. Die Kirchtürme als Zeichen der Orientierung sind nicht mehr zu sehen.

Darüber könnten wir lamentieren. Oder nüchtern anerkennen: Wir können uns die Gesellschaft nicht aussuchen, in der wir leben. Wir sollen und wollen es nicht aufgeben, das Gute, das uns anvertraut ist, bekannt zu machen. Vermutlich aber kommt es immer weniger darauf an, was «die Kirche» sagt und tut, sondern darauf, dass wir je als einzelne auf bemerkenswerte Weise aus dem leben, was uns geschenkt ist, was uns an Geist und Kraft zufliesst.

Zwei passende Spirituals sind mir in den Sinn gekommen. Der erste ist die Bitte darum, dass Gott uns mit dem Himmelslicht erleuchtet und einleuchtet, damit wir dann auch den Weg gehen können, der kein Triumphzug sein wird, sondern ein «niedriger Weg». Es ist ein kaum bekannter Spiritual, der aber trotzdem um die Welt ging. Hören Sie, wie er von einem koreanischen Gesangsquartett gesungen wird:
www.youtube.com/watch?v=VdF7jzP1O3o

Der zweite ist ein Lied der mutigen Entschlossenheit: Ich lass mein Licht leuchten, auch wenn es ein kleines Licht ist. War der erste Spiritual eher unbekannt, werden Sie diesen mitsingen können. In der ersten Fassung singt Odetta die Hauptstimme, die aus der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung berühmte Sängerin. Noch kurz vor ihrem Tod 2008 sang sie:
www.youtube.com/watch?v=J2kDsqGeoLU
Ralph Stanley (1927-2018) war ein bekannter Bluegrass-Sänger, von ihm stammt diese Version:
www.youtube.com/watch?v=OThB9mOJfM0

Mit einem kleinen Licht, aber strahlend grüssend

Benedict Schubert