Brillenträger Thann
LIEBESERKLÄRUNG AN DEN PSALTER
In meiner letzten Dosis habe ich in Klammer angemerkt, dass die Psalmen einen Spezialfall darstellten. Während ich sonstige von anderen formulierte Gebete darauf hin prüfe, ob sie für die Gemeinde und für mich passen, ist es bei den Psalmen gerade umgekehrt: Die Psalmen prüfen mich. Sie sind der uns in der Bibel geschenkte Schatz von Gebeten, die seit Jahrhunderten Menschen inspiriert haben, ihnen Worte zur Verfügung gestellt haben, wo sie sonst nicht gewusst hätten, was sie noch sagen sollten. Ich habe sicher nicht die Psalmen zu «prüfen» oder gar zu «beurteilen».

Die Psalmen eröffnen mir im Gegenteil einen grossen, hohen Raum, in dem ich beten lernen kann. Vor knapp Tausend Jahren schrieb der irische Mönch Mael Isa Ua Brollchain (†1086) ein Liebeslied an den Psalter, als er den mittlerweile alten und zerfledderten Psalter wiederfand, mit der er als siebenjähriger Junge lesen gelernt hatte. Er spricht dabei den Psalter als seine Geliebte an, nennt sie «Crinoc», offenbar ein damals geläufiger Name.

Damit Sie ahnen, wie berührend das Ganze ist, hier die etwas ungelenke Übersetzung einzelner Zeilen aus dem Lied:

Crinoc, Meisterin der rhythmischen Melodie...
Du bist gekommen und hast mit mir die Nacht verbracht,
Du geschickte, weise Amazone, die die Ängste vernichtet -
und ich war ein Junge mit frischem Gesicht, noch nicht gebeugt wie jetzt,
ein Bürschlein von sieben klangvollen Jahren...

Dein Rat ist jederzeit zur Hand,
wir haben uns dafür entschieden, sind Dir in allem gefolgt.
Dein Wort zu lieben ist die beste Liebe,
unser freundliches Gespräch mit dem König...

Wir suchen die Gegenwart des Gottes, der sich entzieht,
wir wandernd suchend, doch der Weg lässt sich finden,
wenn wir den kräftigen Melodien folgen,
die mit Dir auf allen Wegen der Welt erklingen.

Du schweigst nicht, sondern bringst Gottes Wort
allen, die in dieser Welt leben.
Und dann wird, wie durch ein ganz feines Sieb,
das ernsthafte Gebet eines Menschen gereinigt...


Die Amazone, die alle Ängste vernichtet! Wenn das nicht ein starkes Bild ist, das zum Psalmenbeten ermutigt!

herzlich grüsst Sie

Benedict Schubert

P.S. 1: Die englische Übersetzung des ganzen Lieds finden Sie über diesen Link:
books.google.ch/books?id=V01-76iQ48gC&pg=PA128&lpg=PA128&dq=skilled+wise+amazon+annihilating+fears+crinoc+lady+of+measured+melody&source=bl&ots=H7nuZ_FvPr&sig=ACfU3U0UDQ3bxNBV8KnanEbNs0FuEKg3Nw&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEwj9rqb2rtLhAhWGwqYKHXxHBtYQ6AEwAHoECAcQAQ

P.S. 2: Das kleine Bild oben zeigt den «Brillenträger» - eine der ältesten geschnitzen Darstellungen eines Brillenträgers. Zu finden im Chorgestühl in der Collégiale St. Thiébaut in Thann.

P.S. 3: Gerne mache ich noch einmal Werbung für das schöne Buch, das ein Freund und eine Freundin von mir herausgegeben haben: Xandi Bischof / Nadine Seeger, Psalmen destillieren. Alte Gebete neu lesen, Basel: Reinhardt 2018. Das ist eine Fundgrube für die, die sich in die Psalmen einlesen und vertiefen wollen.

P.S. 4: Psalm 124 ist einer meiner Lieblingspsalmen. In meiner Predigt am Sonntag werde ich ihn wieder einmal zitieren. Hören Sie hier eine Version von John Michael Talbot, einem Liedermacher aus den 1970er Jahren, der dann Franziskanermönch wurde:
www.youtube.com/watch?v=PLyDwfLb4Q8

Oder in einer Version, in der der Psalm im klassischen Hebräisch gesungen wird:
www.youtube.com/watch?v=--UABwqW9Sg