Ritter_Kirchbühl
VERBLASSENDE KONTUREN
Auf einer wunderbaren Velotour sind wir kreuz und quer durch die Schweiz gefahren. Auf den Seitenwegen, über die uns die Velorouten erfreulicherweise führen, haben wir immer wieder Entdeckungen gemacht – zum Beispiel die alte Kirche St. Martin auf dem Kirchbühl über den Sempachersee mit ihren eindrücklichen Fresken aus dem frühen 14. Jahrhundert. Ein Besuch lohnt sich!
Zum Denken regt just an, wie die Fresken am Verblassen sind: Die Konturen dieses behelmten Kriegers beispielsweise sind nur noch schwach zu erkennen, grosse Teile des Umrisses seines Körpers sieht man gar nicht mehr. Man sähe wohl überhaupt nichts mehr, wenn nicht einmal Fachleute sorgfältig renoviert hätten, was überhaupt noch zu renovieren war.
Ich bin inzwischen in einem Alter, in dem ich an manches nicht mehr erinnere. Auf der Veloreise haben meine Frau und ich natürlich viel miteinander ausgetauscht und dabei auch festgestellt, dass wir von gemeinsam Erlebtem ganz Unterschiedliches in Erinnerung behalten haben. Es kommt deshalb beispielsweise vor, dass sie mir von einer schönen Begebenheit berichtet, die wir damals beide genossen haben. Bei mir allerdings ist die Erinnerung weg. Wenn ich Glück haben, taucht sie bei ihrer Erzählung wieder auf; es kann aber auch sein, dass eine Erinnerung, die eigentlich auch meine wäre, nur noch bei ihr vorhanden ist.
Das ist eine Art von Erfahrung, die jede und jeder von uns kennt. Menschen mit Demenzerkrankungen machen sie in schmerzlich intensiver Weise und Häufigkeit: Die Konturen dessen, was sie erlebt haben und sind, scheinen ganz zu verblassen und zu verschwinden.
Tröstlich ist, dass Gott als sorgfältige Restauratorin dafür sorgt, dass nichts, was wesentlich war, verloren geht. Wir und die um uns her mögen vergessen – Gott hebt alles auf.
Notabene nicht, um am Ende unbarmherzig abzurechnen, sondern um aus Liebe und in Liebe das zu schenken, was wir als ewiges Leben erhoffen.

mit noch einigermassen klar konturierten Grüssen

Benedict Schubert