Borobodur
ZEICHEN DEUTEN - NOCH EINMAL
Vor ein paar Jahren war ich in Indonesien; mit einem Kollegen von der Zürcher Fakultät hatten wir eine Studienreise mit einer Gruppe von Studierenden der Theologie und Religionswissenschaft organisiert. Unter anderem besuchten wir auch den Borobodur auf der Insel Java, die grösste buddhistische Tempelanlage der Welt. Das quadratische Bauwerk von über 120 m Seitenlänge besteht aus neun pyramidenartig aufeinander getürmten Stockwerken, die an den Wänden mit Reliefs in einer Gesamtlänge von über fünf Kilometern verziert sind. Die Geschichte des Buddha ist darauf in allen Details dargestellt. Darüber liegen dann noch einmal drei Terrassen mit «Stupas», einem für den Buddhismus typischen Bauelement, das den Buddha und seine Lehre symbolisiert.

Der Borobodur stammt vermutlich aus dem 8. Jahrhundert – also aus einer Zeit, in der in Europa die frühesten romanischen Bauwerke entstanden. Etwas später als in Indonesien wurden auch in Europa sakrale Bauten mit Reliefs, Kapitellen, Statuen geschmückt: Mit der Galluspforte haben wir in Basel ein sehr schönes Beispiel. Mit Begeisterung besuche ich romanische und gotische Kirchen und kann Stunden damit verbringen, die dargestellten biblischen Geschichten zu erkennen und dann auch darüber nachdenken, wie die Künstler sie interpretiert haben.

Das konnte ich beim Borobodur nicht. Ich habe zwar eine rudimentäre Ahnung von der Geschichte des Buddha. Doch meine Kenntnisse reichten nicht aus, die einzelnen Szenen zu erkennen und damit auch zu deuten. Mein Blick blieb notwendigerweise rein äusserlich. Ich hätte Elefanten zählen können. Ich hätte feststellen können, dass Frauen am Borobodur eher weniger bekleidet sind als die, die sich an und in mittelalterlichen Kirchen finden. Ich hätte mich fragen können, ob der junge Mann, der wiederholt im Lotussitz zu sehen ist, jedes Mal der Buddha ist, und ob ich Unterschiede erkennen kann. Bei einzelnen Reliefs wurde meine Phantasie angeregt, mir eine Geschichte dazu zu denken, doch ich vermute eher, sie wäre etwas ganz Anderes gewesen als das, was der Künstler darstellen wollte.

Ich weiss nicht, wie viele von den unzähligen Besucherinnen und Besuchern, die selbst einen buddhistischen Hintergrund haben, die Reliefs am Borobodur deuten können. Offensichtlich ist, dass viele, die eigentlich einen christlichen Hintergrund haben könnten, auch vor romanischen Kirchen so verständnislos stehen, wie ich vor dem Borobodur. Ihr Blick bleibt rein äusserlich, und eine Galluspforte beispielsweise sagt ihnen nichts, sondern dient höchstens noch als Hintergrund für ein Selfie.

Für mein Teil möchte ich meine Kenntnis der biblischen Geschichten so wach und präsent halten, dass ich in Moissac oder Conques, in Autun oder Hildesheim staunen kann – und Gott die Ehre geben.

Mit herzlichen Grüssen
Benedict Schubert