Chrischona v Tüllingen
EIN ANDERER BLICKWINKEL
Der Weg nach St. Chrischona ist mir inzwischen so vertraut, dass ich auf dem Velo fast den Autopiloten einschalten kann. Deshalb bin ich zur Abwechslung einmal den Tüllinger Hügel hochgefahren, um die andere Aussicht zu geniessen. Tatsächlich sieht man von dort Quartiere und markante Gebäude unserer Stadt, die man von Chrischona aus nicht sieht (zum Beispiel Chrischona selbst), umgekehrt bleibt manches hinter dem Dinkelberg versteckt, was von Chrischona aus schön zu sehen ist (ganz zu schweigen vom Alpenpanorama).

Das ergibt eine schöne Parallele zu einem Gespräch, das wir vorgestern Abend mit einem Freund hatten, der vor ein paar Jahren aus Eritrea hierher geflüchtet ist (und übrigens schon eine grandiose Integrationsleistung erbracht hat). Er fragte, weshalb es eigentlich verschiedene Religionen gebe, es gebe doch nur eine Wahrheit. Und weshalb nicht einmal die christlichen Konfessionen einander voll anerkennen könnten.
Das sind natürlich zu grosse Fragen für eine Tagesdosis; ich werde auf einzelne Aspekte noch hie und da zurückkommen. Für heute berichte ich von zwei Elementen einer Antwort.

A) Ich finde es hilfreich, eine Religion mit einer Sprache zu vergleichen. Eine religiöse Tradition bietet – wie eine Sprache – die Möglichkeit, über das Geheimnis der Welt nachzudenken, Schönheit zu feiern, für die Liebe zu danken, Hoffnung über unseren begrenzten Horizont hinaus zu wahren, Trost zu tanken angesichts der Vergänglichkeit, Kraft zu schöpfen zum Engagement für den Frieden. Und so wie Sprache benutzt werden kann zum Fluchen und Verdammen, geschieht das leider auch mit Religionen. Dass es unterschiedliche Sprachen gibt, ist laut biblischer Auskunft ein kreativer Akt Gottes: Wir sollen nicht in einer diktatorischen Hierarchie erdrückt werden, damit ein König an der Spitze sich in den Himmel heben kann – Gott schenkt uns unterschiedliche, vielfältige Identitäten. Die Vielfalt der Religionen ist Ausdruck der schöpferischen Phantasie des Ewigen.

B) Meine Frau erzählte gestern, wie sie im Religionsunterricht (mit ca. 11-jährigen Kindern) das Thema angegangen sei: Sie habe drei Kinder vor die Tür geschickt. Auf einen Tisch in der Mitte des Schulzimmers habe sie einen grossen Würfel (ca. 40 cm Seitenlänge) gelegt, dessen sechs Seiten in je einer anderen Farbe bemalt waren. Um den Würfel herum habe sie kleine Gegenstände gelegt: einen Schlüsselbund, einen Radiergummi, ein Haarband etc. Nun habe sie das erste Kind von draussen hereingeführt. Es musste die Augen geschlossen halten, bis es auf einem Stuhl am Tisch sass – und dann die Augen zu öffnen und zu beschreiben, was es sah: eine, vielleicht zwei Seiten des Würfels, seine Oberfläche und die Gegenstände, die vor dem Würfel lagen. Das zweite Kind wurde ebenfalls hineingeführt; es sollte sich übers Eck an den Tisch stellen und ebenfalls beschreiben, was es sah. Das dritte Kind schliesslich kam herein und musste sich auf den Boden setzen, wiederum auf einer dritten Seite des Tischs. Es sah nur den oberen Teil einer Seite des Würfels, die auf dem Tisch liegenden Gegenstände konnte es nicht sehen. Alle drei Kinder betrachteten dieselbe Installation mit Würfel und Gegenständen auf dem Tisch. Alle drei sahen aber etwas je Eigenes. Welches der Kinder hatte recht?

Die eine oder der andere von Ihnen wird möglicherweise denken, damit werde alles relativiert. Deshalb werde ich noch einmal aufs Thema zurückzukommen haben. Darf ich vorderhand Paulus zitieren?

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen (1 Kor 13,12f).

Mit herzlichen Grüssen aus meinem Blickwinkel

Benedict Schubert