DU SOLLST NICHT RICHTEN.
Ich habe versprochen, einen Faden wieder aufzunehmen. In meiner letzten Dosis ging es um die Frage, weshalb es verschiedene Religionen gebe. Damit verknüpft ist auch die Frage, wie wir mit Menschen umgehen sollen, die unseren eigenen Glauben nicht teilen – also vermutlich mit der ganz grossen Mehrheit der Menschen, denen wir begegnen.
Mir war und ist hilfreich, zwei Grundsätze zu beachten:

1. «Du sollst nicht richten.» Mir fällt in den Evangelien auf, dass Jesus in sehr vielen Fragen äusserst grosszügig ist. In einem Punkt bleibt er indessen sehr klar und unnachgiebig. Er verbietet uns, über Menschen, aber auch über Verhältnisse oder Institutionen abschliessende Urteile zu fällen. Er weiss, dass wir schlicht nicht den nötigen Überblick und die erforderliche Einsicht haben. Das muss uns nicht daran hindern, gegebenenfalls kritische, auch sehr kritische Fragen zu stellen. Wir werden auch immer wieder geneigt sein, einen Menschen oder etwas für gut und freundlich zu halten (was uns je das Leben vermutlich heiterer macht). Umgekehrt werden wir es nicht vermeiden können und wollen, von jemandem oder etwas zu sagen, sie seien unfreundlich oder böse. Das ist so lange legitim, als wir uns im Klaren bleiben: Unsere Urteile bleiben Vor-Urteile. Es bleibt immer ein Rest von Zweifel; wir sollten immer zugstehen: Ich kann mich täuschen.
Ich bin deswegen jeweils irritiert, wenn jemand sich pauschal über «den Islam» äussert oder über «das Christentum» herzieht. In der Regel stellt sich nämlich sehr rasch heraus: Die so reden, machen es sich zu einfach. Sie geben sich mit zu billigen Antworten zufrieden und halten offene Fragen nicht aus.

2. «Ein Gespräch lebt davon, dass wir einander zuhören.» Wenn vom «interreligiösen Dialog» gesprochen wird, sollten wir nie vergessen: Es sind nicht (zum Beispiel) Islam und Christentum im Gespräch, sondern Menschen, die geprägt und überzeugt sind von einer bestimmten muslimischen oder christlichen Tradition, und die in einer je besonderen Beziehung zueinander stehen. Wenn ich als arrivierter, solide verwurzelter Basler Pfarrer mit unserem ehemaligen Pflegesohn aus Afghanistan über das spreche, was ihm und mir je am Herzen liegt, sind die Machtverhältnisse anders, als wenn ich an einem Seminar in Indonesien teilnehme, an dem christliche und muslimische Theologinnen und Theologen darüber debattieren, welche Ressourcen ihr jeweiliger Glaube denen bietet, die sich für Frieden und Versöhnung einsetzen. Dass wir einander «auf Augenhöhe» begegnen, ist oft nicht mehr als ein frommer Wunsch, wenn es nicht sogar dazu dient, ein bestehendes Machtgefälle zu verschleiern. Wenn ich es mit Menschen zu tun habe, die anders oder Anderes glauben, will ich mich bemühen, ein anständiges Gespräch zu führen. Das bedeutet aber: Ich spreche nicht nur offen von dem, was mir wichtig ist, sondern höre auch aufmerksam dem zu, was mein Gegenüber sagt.

Dabei bewegen wir uns je auf einem «Feld der Begegnung», das zwischen vier Polen aufgespannt ist, die ich «Umkehr», «Grenzüberschreitung», «Unterscheidung» und «Widerstand» nenne. Damit habe ich auch schon angekündigt, wie ich vier Tagesdosen überschreiben werde, die ich Ihnen gelegentlich schicken möchte.
Für heute reicht das – herzlich

Benedict Schubert


Zum Bild: Mit meiner Vikarin war ich am Montag auf der «Hohen Möhr», dem Aussichtsturm über Zell im Wiesental. Die Sicht war phantastisch. Wir sahen mehr, als ich je von St. Chrischona oder vom Tüllinger Hügel aus sehe. Aber natürlich haben wir auch von dort nicht wirklich den Überblick.