UMKEHR
Ich habe angekündigt, in loser Folge die vier Pole zu beschreiben, zwischen denen wir uns immer bewegen, wenn wir mit Menschen umgehen, die unseren Glauben, unsere Überzeugungen und Gewohnheiten nicht teilen. [Sie erinnern sich, ich habe sie mit «Umkehr», «Grenzüberschreitung», «Unterscheidung» und «Widerstand» bezeichnet.] Ich bin überzeugt, dass wir keine Pauschalurteile fällen dürfen, weil wir dazu nicht in der Lage sind. Im Blick auf eine Grundorientierung oder auch bloss eine bestimmte Überzeugung oder eine Verhaltensregel können wir uns zwischen vier Möglichkeiten entscheiden.

Die erste ist radikal – ich nenne sie «Umkehr»: Das, was ich von meinem Gegenüber sehe, höre, erlebe, lässt mich erkennen: Ich habe mich getäuscht. Ich bin in einer Sackgasse gelandet. Auf dem Weg, den ich bisher verfolgt habe, komme ich nicht weiter. Ich habe etwas Falsches geglaubt, bin einem Prinzip gefolgt, das ich jetzt nicht mehr für richtig halte.

Wo jemand seine tiefste Überzeugung aufgibt und eine andere, neue übernimmt, reden wir von «Bekehrung». Wer sich bekehrt, wechselt in ein neues Koordinatensystem. Ich kenne beispielsweise einen jungen Mann, der in der reformierten Kirche aufgewachsen ist, doch dann orthodoxer Mönch geworden ist. Hin und wieder ist davon zu lesen, dass Prominente auf spektakuläre Weise konvertieren. Ich erinnere mich, wie sehr es mich damals beeindruckt hat, als Cat Stevens sich zum Islam bekehrte; setiher heisst er Yusuf Islam.

Neben solch radikalen Konversionen gibt es indessen auch – und das geschieht häufiger – «Teil-Konversionen». Jemand kommt zur Einsicht, dass sie, er sich in Bezug auf eine bestimmte Frage geirrt hat. Während langer Zeit beispielsweise war auch unsere Kirche überzeugt, dass Frauen keine Leitungsaufgaben übernehmen, Gottesdiensten nicht vorstehen, nicht predigen sollten. Während einige schon längst begriffen hatten, dass diese patriarchale Überzeugung auf keinem soliden biblischen und theologischen Fundament begründet ist, dauerte es bis über die Mitte des letzten Jahrhunderts, bis die Frauenordination zur Selbstverständlichkeit wurde. Dass sie es in vielen Kirchen bis heute nicht ist, und dass es auch in unserer reformierten Kirche Menschen gibt, die aus der spezifischen Weisung des Paulus an die Gemeinde in Korinth – «Die Frau schweige in der Gemeinde.» – ableiten, das sei als fundamentale, göttliche Ordnung zu verstehen, kann hier nur bedauernd angemerkt sein.

Anregend ist es, im Austausch mit einem vertrauten Menschen danach zu fragen, wann ich zum letzten Mal eine solche «Teil-Konversion» erlebt habe, oder ob ich derzeit mit jemandem auf eine Weise im Gespräch bin, die auf eine solche Teil-Konversion zuläuft. Oder zulaufen müsste. Die Bibel jedenfalls ruft das Volk Gottes immer wieder dazu auf, umzukehren von seinen bösen Wegen.

Herzlich grüsse ich Sie

Benedict Schubert