Fragezeichen
GRENZÜBERSCHREITUNG oder UNTERSCHEIDUNG
Als erste Verhaltensmöglichkeit mit Menschen anderen Glaubens habe ich in der letzten Dosis die «Umkehr» beschrieben, die (Teil)Konversion.

Es kann aber auch sein – und das wäre die zweite Möglichkeit – dass ich nicht zum Schluss komme, ich hätte mich geirrt und müsse meine bisherige Position ganz aufgeben. Ich sehe vielmehr ein: Ich habe es bisher zu eng gesehen. Ich habe zu früh eine Grenze gezogen; ich kann weiter gehen, als ich bisher gedacht hatte. Ich kann von meinem Gegenüber etwas übernehmen, was mir bisher fremd war, und es mir aneignen. Dadurch wird mein Leben bereichert – so wie ich meine Möglichkeiten, etwas sprachlich auszudrücken, durch Fremdwörter ausweiten kann.
Mein eigenes Glaubensleben ist jedenfalls auf diese Weise wiederholt bereichert worden: Aus der mir vertrauten reformierten Tradition kannte ich beispielsweise die Schönheit von wiederkehrenden liturgischen Gebeten nicht. Ich wusste nicht, wie sehr es mich stärkt, wenn ich wieder und wieder dieselben Psalmen nach den gregorianischen Melodien singe, die ich im Benediktinerkloster Mariastein gelernt habe.
Vor einem guten Jahr habe ich – wie einige wohl wissen – die sogenannten «grossen ignatianischen Exerzitien» gemacht, nachdem ich schon vorher einige Male an kürzeren Exerzitien teilgenommen hatte. Ich habe damit einen inneren Übungsweg beschritten, der ausgerechnet von einer der führenden Figuren der Gegenreformation entworfen wurde, von Ignatius von Loyola, dem Gründer des Jesuitenordens.

Jede und jeder wird für sich entscheiden müssen, wo sie Grenzen überschreiten können und wollen. Sie tun gut daran, wenn sie dabei genau prüfen, ob es tatsächlich richtig ist, diese bestimmte Grenze nicht mehr zu respektieren, oder ob sie nicht eher die dritte Möglichkeit wählen sollten, die UNTERSCHEIDUNG, und das heisst: Ich behaupte nicht, dass das, was jenseits der Grenze liegt, grundsätzlich falsch wäre; das kann ich nicht beurteilen. Ich bin aber sicher, dass ich Schaden nehme, wenn ich diese Grenze überschreite.

Ich erinnere mich an den fulminanten Artikel eines prominenten praktischen Theologen, der darauf bestand, dass die Rede und erst recht die Praxis von «Geistlicher Begleitung», «Exerzitien» und ähnlichem nicht zu vereinbaren sei mit dem, was die Reformation als die «Freiheit eines Christenmenschen» entdeckt, und wie sie die persönliche, individuelle Freiheit und Verantwortung der Einzelnen verstanden habe.
Während ich selbst überzeugt bin, dass meine reformierte Theologie keinen grossen Schaden erlitten hat durch die ökumenischen Bereicherungen, die sie auf meinem Weg gewonnen hat, anerkenne ich, dass andere das anders sehen können. Sie kommen zum Schluss, dass (eben beispielsweise) Exerzitien zwar im katholischen System ihren guten Sinn und Platz haben, dass sie aber in einem reformierten nicht unterzubringen sind.Sie fällen damit kein abschliessendes Urteil, schliessen aber etwas für sich selbst aus.

Um es an einem anderen Beispiel zu illustrieren: Viele Menschen gehen davon aus, dass unsere Seele nach dem Tod noch einmal einen neuen Körper bewohnen wird. Ich weiss, dass es christliche Theolog*innen gibt, die eine Möglichkeit sehen, diese Vorstellungen einer Reinkarnation zu vereinbaren mit dem biblischen Zeugnis von der Auferstehung. Mir ist einfach noch keine überzeugende Variante einer solchen Verbindung begegnet.
Sicher ist: Wir haben keine Möglichkeit, von dieser Seite aus herauszufinden, was wir dann einmal vorfinden. Es ist eine Glaubensfrage – ich verlasse mich auf dies oder jenes. Bisher finde ich es schlicht tröstlicher (und attraktiver), mich darauf zu verlassen, dass wir durch Jesus Christus sterbend ein für alle Mal eingehen in die Ewigkeit – oder wie ich jeweils bei den Abkündigungen am Sonntag sagen darf: «Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum, ob wir leben oder sterben, wir sind des Herrn.»

Mit sorgfältig prüfenden Grüssen

Benedict Schubert