WIDERSTAND!
WIDERSTAND ist das letzte der vier grundlegenden Verhaltensmuster, zwischen denen wir wählen können, wenn wir uns mit Menschen auseinandersetzen, die unseren Glauben nicht teilen. In der «Umkehr» gebe ich meinen Standpunkt teilweise oder ganz auf. In der «Grenzüberschreitung» mache ich das Feld meiner Möglichkeiten bewusst grösser. In der «Unterscheidung» anerkenne ich das Recht meines Gegenübers, anders zu sein und zu bleiben – und beanspruche es für mich selbst.

Im WIDERSTAND jedoch setze ich mich bewusst und ausdrücklich in Widerspruch zu dem, was mein Gegenüber vertritt. Ich vergesse nicht, dass ich – wie Paulus das schreibt – die Wahrheit nur «wie in einem Spiegel in einem dunklen Bild» erkenne und also nicht den Durchblick habe. Mir bleibt klar, dass ich aus meiner beschränkten Perspektive nur «stückweise» sehe, was wirklich ist, und dass immer ein Rand des Zweifels und also auch Irrtums bleibt (1. Kor 13,12).

Doch es gibt Situationen, in denen ich Stellung beziehen muss und will gegen etwas, was sich nicht vereinbaren lässt mit Gottes Willen, wie er sich auf konzentrierteste Weise im Doppelgebot der Liebe äussert. (Als Lehrstück dient die Versuchungsgeschichte. Das Bild ist ein Ausschnitt aus einem Kapitell in Seaulieu im Burgund; es stellt die Begegnung Jesu mit dem Teufel dar.) Ich nenne nur drei Beispiele:
Ich erinnere mich noch daran, dass in den 1980er Jahren die «Dutch Reformed Church» aus Südafrika aus dem reformierten Weltbund ausgeschlossen wurde, weil sie den Rassismus und die Apartheid meinte theologisch begründen zu können.
Ich erinnere mich an eine heftige Diskussion mit einem frommen jungen Mann, der – beeinflusst von amerikanischen Vorbildern – fand, die Todesstrafe sei wieder einzuführen.
Wenn ich im Text zur «Umkehr» davon sprach, dass Kirchen und Gemeinden ihre Überzeugung aufgegeben hätten, Frauen dürften in der Kirche weder predigen noch lehren – dann heisst das umgekehrt auch: Ich würde jedem scharf widersprechen, der forderte, wir sollten die Frauenordination als Irrtum einstufen und deshalb wieder abschaffen. (Es gibt solche, übrigens...)

UMKEHR, GRENZÜBERSCHREITUNG, UNTERSCHEIDUNG, WIDERSTAND. Eine Freundin schrieb mir auf die letzte Tagesdosis, sie erlebe im Gegensatz zu mir die Perspektive darauf, reinkarniert zu werden, als erleichternd und befreiend. Das hat mich zwar nicht überzeugt, aber einmal mehr deutlich gemacht: Es ist eine Frage der eigenen theologischen und geistlichen Orientierung, wie ich mich verhalte. Es ist indessen auch eine Frage der Persönlichkeit. Ich selbst habe eher lernen müssen, Unterscheidungen zu machen und Widerstand zu leisten, denn ich bin tendenziell vermittelnd und ausgleichend (und manchmal auch zu feige) dazu. Umgekehrt kenne ich Menschen, die sehr rasch zum Widerstand aufrufen – und ich würde sie gerne ermutigen, ihr Gegenüber so zu akzeptieren, wie es ist, ja sogar von ihm zu lernen.

In der Vorfreude auf die nächsten Begegnungen mit solchen, die es anders sehen, grüsse ich Sie herzlich

Benedict Schubert