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DIFFERENZVERTRÄGLICHKEIT
DIFFERENZVERTRÄGLICHKEIT

In drei kurzen Texten habe ich von den vier Grundoptionen geschrieben, die wir haben, wenn wir mit Menschen ins Gespräch kommen, die unsere Überzeugungen nicht teilen, deshalb auch (teilweise) andere Wertvorstellungen haben und entsprechend anders leben als wir selbst. Ich habe darauf einige Rückmeldungen von Dosis-Leser*innen erhalten, die erfreulicherweise ebenfalls finden, die vier Begriffe seien wirklich gut brauchbar.
Aufgrund eines Gesprächs, das ich deswegen am Rand der Kirchenvorstandssitzung hatte, führe ich nun noch einen weiteren, für mich in Bezug auf den Umgang mit Fremden und Fremdem ungemein erhellenden Begriff ein. Vom verstorbenen Philosophen Hans Saner habe ich gelernt, was er mit der «DIFFERENZVERTRÄGLICHKEIT» meinte.

Hans Saner hatte ein äusserst kritisches Verhältnis zur Kirche und zum christlichen Glauben, wünschte aber trotzdem, sein Abschied möchte dann in der Pauluskirche gefeiert werden. Ich hatte die ehrenvolle Aufgabe, diese Feier mitzugestalten. Ich musste ïndessen zugeben, dass ich mich vorhin nie intensiver mit Hans Saners Werk befasst hatte. Ich kannte ihn bloss als Nachbarn im Quartier; wir pflegten einander respektvoll zu grüssen, wenn unsere Wege sich kreuzten. Nachdem ich angefragt worden war, besorgte ich mir seine «Anarchie der Stille». Ich las mit Interesse, auch wenn ich mir als Pfarrer bei der Lektüre einiges gefallen lassen musste. Besonders anregend fand ich überdies einen Vortrag, auf den ich über Umwegen im Internet stiess: «Von der Toleranz zur Differenzverträglichkeit».

In diesem Vortrag setzt Saner sich kritisch mit dem Begriff der «Toleranz» auseinander. In der Toleranz schwinge die Intoleranz immer schon mit. Geduldet würden nur Menschen oder Sachverhalte, von denen wir eigentlich lieber hätten, es gäbe sie gar nicht. Das Lateinische «tolerare» habe ursprünglich zwar «erdulden» bedeutet, doch dann habe der Sinn sich in Richtung «dulden» verschoben. Dulden aber geschieht von oben herab. Der Duldende hat Macht und kann seine Toleranz aufgeben.
Saner war ein äusserst herrschaftskritischer Denker. Er fordert deshalb, wir müssten die Unterschiede – und er bezieht sich namentlich auf die kulturellen, religiösen, weltanschaulichen Unterschiede – nicht bloss dulden, sondern positiv anerkennen. Das hat zum einen mit der Demut zu tun, die aus dem Wissen erwächst, dass meine Perspektive immer begrenzt ist. Es hat zweitens mit der nüchternen Feststellung zu tun: Mit der Globalisierung verbindet sich die Erfahrung, dass wir die Vielfarbigkeit der Welt auch vor Ort, beispielsweise in unserer Stadt erleben. [Nur zur Erinnerung: Das schöne Kindlein, das ich vorletzten Sonntag taufen durfte, hat eine Mutter mit jamaikanisch-schweizerischen und einen Vater mit schweizerisch-thailändischen Wurzeln...]
Wer nur von «Toleranz» spricht, wird dann auch von einer «Leitkultur» und ähnlichem sprechen und folgerichtig davon ausgehen, dass bloss einzelne die Macht und das Recht hätten zu bestimmen, wann ein «Ende der Toleranz» gekommen sei. Wenn wir hingegen von der Differenzverträglichkeit sprechen, gehen wir davon aus: Als Gemeinweisen bestimmen wir gemeinsam mit allen daran Beteiligten, ob es Verhaltensweisen gibt, die für unser Zusammenleben zu destruktiv sind und die deshalb nicht erlaubt werden dürfen. (Hans Saner nennt die Menschenrechte als Rahmen.)

Ich fand die Unterscheidung von Toleranz und Differenzverträglichkeit ausgesprochen bedenkenswert. Sie passt für mich auch sehr gut zum Evangelium. Wenn Sie Zeit und Musse haben, lesen Sie doch beispielsweise einmal das 2. Kapitel des Epheserbriefs. Ich bin gespannt, ob Sie darin Entsprechungen erkennen!

Mit herzlichen Grüssen
Benedict Schubert


P.S. Hier finden Sie zwölf Thesen von Hans Saner zu «Toleranz und Differenzverträglichkeit»: www.ksh-sgai.ch/images/kshsgai/Archiv/2011/2011_hv_hans%20saaner_2.pdf

Und hier den Vortrag von Hans Saner, auf den ich mich beziehe:
www.klinikschuetzen.ch/files/events/Handout_zum_Vortrag_von_Prof._Dr._med._Thomas_Cerny.pdf