Mond über Lissabon
ÜBER DEFINITIONEN
Es gibt hin und wieder Begegnungen, die sich einprägen, weil sie uns prägen: Ich erlebe, erfahre und begreife etwas, was mein Denken und Verhalten von nun an immer bestimmen wird. Eine solche Begegnung kam mir in den Sinn, als ich von einer Freundin eine sehr berührende, sehr persönliche Reaktion auf meine letzte Tagesdosis erhielt. Sie fand befreiend, dass ich – im Gegensatz zu dem, was sie offenbar früher von engagierten Christinnen und namentlich Pfarrern gehört hatte – nicht den Anspruch erhebe, ich sei im Besitz der Wahrheit und müsse in allen Belangen immer präzise zwischen wahr und falsch unterscheiden. Tatsächlich ist bei mir der Rand dessen, worüber ich keine sichere Auskunft geben kann und will, relativ breit. (Es gibt dafür übrigens einen sehr schönen Ausdruck, den «eschatologischen Vorbehalt» – gemeint ist genau die Bescheidenheit, von der Paulus schreibt, wenn er unser Wissen als «stückweise» einschätzt.)

Die Begegnung, die mir auf ihre Mail hin in den Sinn kommt, hatte ich vor vielen Jahren. Ich arbeitete als Studienleiter im Missionshaus. Ein Kollege – ich weiss nicht einmal mehr, welcher – kam in mein Büro und lud mich ein, einen indischen Kollegen zu treffen. Wir sahen uns bloss wenige Minuten in der «Rosina-Widmann-Stube». Ich erinnere mich nicht mehr an seinen Namen und auch nicht mehr daran, worüber wir uns überhaupt unterhielten. Sehr genau erinnere ich mich aber an eine Aussage, die er im Gespräch machte: «Weisst Du, Beni, Ihr im Westen habt ein Problem. Ihr wollt in Eurem Denken immer definieren. Und das heisst abgrenzen. Doch mit Abgrenzungen kannst Du keinen schönen Kreis ziehen. Das geht nur von der Mitte aus. Wir im Osten denken von der Mitte aus.»

Von der hellen Mitte aus denken. Sich auf den glühenden Kern besinnen.

Mit konzentrischen und konzentrierten Grüssen
Benedict Schubert


P.S. Denen, die diese leuchtende Mitte betrachten wollen, empfehle ich einen Besuch des Museums Unterlinden in Colmar. Nehmen Sie sich extra Zeit für das Auferstehungsbild des Isenheimer Altars und schauen dem Auferstandenen ins Gesicht. Als natürlich ganz unzulänglicher Vorgeschmack: commons.wikimedia.org/wiki/File:Himmelfahrt-Christi-Isenheimer-Altar.jpg