österlicher Christus
WER IST «WIR»?
Eine aufmerksame Leserin unserer Tagesdosis stellte mir per Mail diese Frage: «Was denkst du, ist es allen deinen Predigtbesucher*innen, resp. allen reformierten Kirchgänger*innen und Leser*innen deiner Doppeldosis klar, wer mit “wir” gemeint ist?»

Die Antwort ist gar nicht so einfach. Zunächst kam mir etwas in den Sinn, wovon ein guter Freund wiederholt erzählt hat. Er hat mehrere Jahre in Indonesien gelebt. Im Indonesischen (und nicht nur da) gibt es zwei Wörter für «wir». (In Wikipedia findet sich ein einigermassen verständlicher Artikel dazu: de.wikipedia.org/wiki/Inklusives_und_exklusives_Wir).
Wer kita sagt, spricht von sich selbst UND von seinem Gegenüber plus einer oder mehreren Drittpersonen. Er gibt seinem Gegenüber zu verstehen: Du gehörst dazu. «Kita» gehen ins Kino, heisst also: Wir gehen zusammen und schauen uns "The Bra" an (Was also ein dringende Empfehlung wäre). Wer allerdings kami sagt, meint sich selbst und die Drittperson(en) OHNE das Gegenüber: Du gehörst nicht dazu. «Kami» gehen ins Kino, heisst also: Sorry, Du bleibst da, wir gehen. Sie können sich vorstellen, dass das für vergnügliche oder peinliche Missverständnisse sorgt, solange jemand diese Unterscheidung nicht wirklich beherrscht.

Für meine Texte gilt grundsätzlich: Ich meine, ich sei ökumenisch gesinnt und einigermassen weltoffen, aber natürlich schreibe ich als Pfarrer einer evangelisch-reformierten Gemeinde, das heisst: Aus einer ganz bestimmten Perspektive, für die ich niemanden vereinnahmen will und kann. Wenn ich von «wir» spreche, dann sind Sie als Lesende mitgemeint, doch nicht selbstverständlich, sondern einladend. Sie entscheiden, ob Sie tatsächlich mitgemeint sein wollen. Was mich übrigens daran erinnert, dass wir als Studierende ermahnt wurden, wir sollten immer gut überlegen, ob und wie wir in einer Predigt «wir» sagen.

Und das lässt mich eine weitere Frage aufwerfen: Wer ist mitgemeint, wenn ich einmal sage oder schreibe: «Wir Christ*innen...»? Alle, die ein bestimmtes Bekenntnis aufsagen? (Aber: Wie klar und eindeutig ist ein Bekenntnis?) Alle, die getauft sind? (Aber: Die Heilsarmee tauft nicht.) Alle, die Mitglieder einer christlichen Kirche oder Gemeinschaft sind? (Aber: Wie steht es mit «christlichen» Gemeinschaften, die offen rassistisch sind oder unübersehbar manipulativ?)

Die für mich beste Antwort – sie schliesst an meine letzte Dosis zu den Definitionen an an und erklärt meine heutige Wahl der Bilder oben – finde ich in einer Vision des Propheten Sacharja (2, 5-9):
Und ich hob meine Augen auf und sah, und siehe, ein Mann hatte eine Messschnur in der Hand. Und ich sprach: Wo gehst du hin? Er sprach zu mir: Jerusalem auszumessen und zu sehen, wie lang und breit es werden soll. Und siehe, der Engel, der mit mir redete, ging hinaus, und ein anderer Engel kam ihm entgegen und sprach zu ihm: Lauf hin und sage diesem jungen Mann: Jerusalem soll ohne Mauern bleiben wegen der Menge der Menschen und des Viehs, die darin sein werden. Und ich selbst will, spricht der Herr, eine feurige Mauer rings um sie her sein und will mich herrlich darin erweisen.

Mit entspannten Grüssen

Benedict Schubert


P.S. Sie werden zehn Tage lang nichts von mir hören: Ich habe noch einmal eine gute Woche Ferien.