LUZINDALALU
Nach unserem letzten Gottesdienst hat mich eine der Tagesdosis-Adressatinnen gefragt, ob wir diese Dosen eingestellt hätten. Sie vermisse sie. Das ist natürlich eine erfreuliche Rückmeldung – und sie gab mir den «Schupf», endlich wieder einmal eine zu schreiben. Meine Kolleginnen und ich haben das schon eine Weile wieder vor, bloss kam dann immer wieder etwas dazwischen. Nun legt es sich nahe, die Tagesdosen wieder aufzunehmen angesichts dessen, dass wir erneut gezwungen werden, Kontakte zu vermeiden, Veranstaltungen zu streichen, Feste fallen zu lassen. Wir werden uns (noch) nicht täglich melden, aber doch wieder so oft, dass Sie das letzte Mal hoffentlich noch in Erinnerung haben.

Ich tue es mit einem fremden Wort: Luzindalalu. Das stammt aus dem Kikongo und bedeutet so viel wie «Ausdauer, langer Mut, Dranbleiben, Durchhalten». Kein einzelnes deutsches Wort kann fassen, was luzindalalu meint. Am nächsten kommt ihr vielleicht die französische «persévérance» oder ihr englisches, portugiesisches oder spanisches Äquivalent. Luzindalalu wird auch als Name verwendet, für Jungen und Mädchen; für sie dann allerdings oft in der Abkürzung Luzinda.

Haben Sie sich auch schon aus einer Sprache einen Begriff ausgeliehen und in ihren privaten Wortschatz aufgenommen, weil er Ihnen so «träf» vorkam – obwohl, oder vielleicht, gerade weil Sie jene Sprache gar nicht wirklich beherrschen? Wir jedenfalls haben uns luzindalalu angeeignet. Gelernt und erlebt haben wir luzindalalu in jenen Jahren, als der Bürgerkrieg in Angola kein Ende zu nehmen schien, und damit auch die Not der Bevölkerung, die alle Hoffnung aufzugeben.
Es wird Sie nicht wundern, weshalb luzindalalu sich gerade jetzt wieder in meinem Aktivwortschatz meldet und zum Gebrauch anbietet. Ich weiss, dass ich manchmal zu bodenlosem Optimismus neige. Deshalb liess ich mich gerne von denen überreden, die uns weismachen wollten, das mit Corona sei nicht ganz so arg, und die zweite Welle würde sich bloss als kleine Schwankung melden. Diejenigen, die einem als finstere Schwarzmaler vorkamen (und sich das teilweise auch vorhalten lassen mussten), haben recht behalten. Die zweite Welle ist da, und nichts deutet darauf hin, dass «alles» in irgendeiner absehbaren Zukunft vorbei sein wird. Wir sind es zwar müde, aber das ist nicht besonders hilfreich: Es braucht jetzt und noch eine gute Weile luzindalalu.
Vielleicht liebe ich das Fremdwort so sehr, weil sein weicher, fliessender Klang, der Sache und Aufgabe etwas von ihrer Härte nimmt. Das Wort klingt so freundlich, das macht Mut, sich der ausgesprochen unfreundlichen Wirklichkeit zu stellen.

Ich würde nun gerne noch ein tröstliches Wort anhängen, von dem ich mir einen «Heile, heile, Sääge»–Effekt verspreche. Das wäre aber vermutlich unverantwortlich. Ich befürchte, dass wir uns- zum Beispiel dem harschen Wort zu stellen haben, das Gott Jeremia zumutet, als dieser über das Unrecht und die Not und seine Mühe damit klagt. Der Bescheid Gottes ist schroff (12,5): Wenn es dich müde macht, mit Fussgängern zu gehen, wie willst du mit Rossen wetteifern? Und wenn du nur im friedlichen Land sicher bist, was willst du tun im Dickicht des Jordans?

Ich hoffe, dass Gott selbst Sie zur luzindalalu bereit und fähig macht!

Benedict Schubert
P.S. zum Kikongo
Kikongo ist eine Sprache, die in Nordangola, in der DRKongo, in Kongo Brazzaville und bis nach Gabun hinauf gesprochen wird. Es gibt kein «Standard-Kikongo», sondern unterschiedliche Dialekte – wie wenn es kein Hochdeutsch gäbe, sondern nur unsere unterschiedlichen Schweizer Mundarten. Auch die Übersetzung der Bibel hat nicht geleistet, was Luther seinerzeit geschafft hat: Die Grundlage für eine Standardsprache zu schaffen. Sogar ich, der ich die Sprache nur rudimentär kenne, weiss von zwei Bibeln in ganz unterschiedlichen Kikongos.