Kupferscheibe am Konstanzer Münster
ALLES KOMMT ANS LICHT.
Unter dem Giebel an der östlichen Aussenwand des Münsters von Konstanz ist eine grosse kupferne Scheibe angebracht. Sie zeigt Christus als «Pantokrator» – ein häufiges Bildmotiv im Mittelalter. Christus als «Allherrscher», als Richter am Ende der Zeiten. Damit verbunden ist die Vorstellung, dass ein Leben nicht einfach so sang- und klanglos zu Ende geht, sondern dass wir ins Licht gehen und damit auch alles ans Licht kommt.

Die ursprüngliche Funktion dieser Scheibe war wohl auch, dass sie dort oben am Giebel aufblitzte, wenn Licht darauf fiel – und damit gab sie denen, die über den See ruderten, Orientierung. Die Christusfigur gab ihnen ein beruhigendes Zeichen, dass der Hafen nicht mehr weit war, und sie würden wieder festen Boden unter den Füssen haben. Zugleich erlaubte die Scheibe es den über den See Fahrenden zu prüfen, ob sie noch auf Kurs waren – und sie konnten gegebenenfalls das Steuer besser ausrichten.

Darstellungen dieses Jesus als Richter wirken oft streng. Sie wurden manchmal auch auf befremdliche Weise dazu benutzt, Menschen zum Gehorsam zu zwingen. Durch die Rede vom Jüngsten Gericht und das Bild vom strengen Richter sollten sie auf Kurs gebracht werden.
Doch dieser Christus aus Konstanz hat etwas ausserordentlich Freundliches. Er hat die Hand zum Segen erhoben. Segen – das ist die benedictio, die gute Rede. Dieser Christus verdammt nicht, wertet nicht ab. Sondern er sagt das, was einem Menschen guttut, was ihm auch wohltut. Das, was ihn aufrichtet, zurechtbringt, aufstellt.

In seiner anderen Hand hält er ein offenes Buch. Und das ist das schönste Detail an dieser Scheibe. In diesem Buch steht nämlich nicht die Schlussabrechnung. Hier wird nicht aufgelistet, was wir geleistet oder worin wir versagt hätten. Auf der offenen Seite steht auf Lateinisch eines der bekanntesten Worte, die uns von Jesus überliefert wurden: VENITE AD ME QUI LABORATIS ET EGO VOS REFICIAM. Kommt her zu mir alle, die ihr Euch mit Mühen plagt, und ich werde Euch erfrischen, wiederherstellen (Mt 11,28).

Aus der Distanz ist die Schrift nicht zu lesen. Glücklicherweise hängt die Kupferscheibe inzwischen in der Krypta des Münsters; diejenige an der Aussenwand ist bloss eine Kopie. Wer hinabsteigt in diesen stillen, etwas verborgenen Raum, kann ganz dicht hinzutreten. Du kannst Dich unter die segnende Hand stellen und dankbar zur Kenntnis nehmen, dass auch über Dein Leben ein gutes Wort gesagt ist. Und in der Stille der Krypta kannst Du die Worte auf Dich wirken lassen: Kommt her zu mir alle, die ihr Euch mit Mühen plagt, und ich werde Euch wiederherstellen.

Benedict Schubert