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Im Flur vor meinem Unterrichtszimmer hängen seit einiger Zeit viele Poster mit Gedichten, schön aufgeschrieben und illustriert von den Kindern einer 6. Klasse, die nebenan ihr Klassenzimmer hat. Dort kann man viele lustige Gedichte, unter anderem von Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz und Wilhelm Busch lesen, und auch die Ballade vom Zauberlehrling war dabei. Und mitten unter diesen bunten und fantasiereichen Bildern fand ich Bonhoeffers Gedicht: Gute Mächte. Schön aufgeschrieben, mit zarten Bildern.

Ich stand lange davor. Ob ich das Gedicht kenne, fragte mich meine Kollegin.
Meine Eltern lehrten mich Bonhoeffers Gedicht, und es war in meinem Leben ein steter Begleiter. Besonders die letzte Strophe wurde viel zitiert, Wendepunkte und Anfänge markiert. Ich bete, besonders in Momenten in denen mir die Zukunft, oder vielleicht auch nur der nächste Tag, Angst macht. Ich bete, um mich darauf zu besinnen, dass ich nicht alles regeln kann und muss, sondern mich schützend umgeben und geborgen fühlen darf.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.


Diese Worte verbinden mich mit Menschen, die ebenso schwierige Momente erlebten und meisterten. Sie verbinden mich in Gedanken mit Menschen, die mir mit ihrem Rat fehlen. Sie verbindet mich mit älteren Generationen, deren Weisheit in schwierigen Momenten nötig wäre. Diese Worte sind für mich eine Verbindung über Zeiten und Räume.

Auf dem Schulflur begegneten mir nun diese Worte an einem Ort und in einem Moment, wo ich sie nicht erwartet habe. Eines der Kinder hat sich in diese Worte vertieft und sie künstlerisch umgesetzt. Diese Worte finden ihren Weg ins Herz einer neuen Generation, sie werden weitergetragen und weiterhin Mut machen.
Diese Worte verbinden uns nicht nur mit dem Gestern, sondern auch mit dem Morgen.
Ein schöner Gedanke zum Jahreswechsel.

Bleiben Sie behütet.

Kristina Ermatinger