SICH INS DUNKEL WAGEN
Ein Freund von mir hat ein grosses Heft, in das er seine Fundstücke einklebt oder notiert. Wenn er in einer Zeitung oder einem Buch, im Begleitheft einer CD oder auf einer Webseite einen Text findet, den er aufbehalten möchte, dann schneidet er ihn aus und klebt ihn ein. Oder schreibt ihn ab, falls das mit dem Ausschneiden nicht geht.
Als ich das zum ersten Mal sah, wollte ich es ihm nachmachen und kaufte ein Heft. Ich glaube, es kleben nicht mehr als zwei, drei Texte drin. Und ich weiss sowieso nicht mehr, wo das Heft ist.
Immerhin habe ich in meinem Computer einen Ordner «Texte und Formeln». Da lege ich wenigstens elektronisch ab, wenn ich einem Text begegne, der mich anspricht. Das kann ein längeres Zitat sein oder auch nur ein Liedvers, ein Gedicht, eine Anekdote oder auch ein liturgisches Stück.

Für diese Tagesdosis habe ich in diesem Ordner gestöbert und bin auf diese Geschichte gestossen, die mir für diese tage vor dem Jahreswechsel wunderbar passend scheint. Ob es tatsächlich eine chinesische Weisheit sei, wie es auf der Karte stand, von der ich den Text einmal abtippte, die – wenn meine Erinnerung mich nicht täuscht – eine alte Freundin uns geschrieben hatte, scheint mir eher fraglich, aber möglicherweise fand jemand, Weisheit müsse so chinesisch sein wie Segen irisch...

Es ist ein richtig schöner Text am Ende dieses dunklen Jahres:

Ich sagte zu dem Engel, der an der Pforte des Jahres stand:
«Gib mir ein Licht, damit ich sicheren Fusses der Ungewissheit entgegengehen kann.»
Aber er antwortete:
«Geh nur in die Dunkelheit und lege deine Hand in die Hand Gottes,
das ist besser als ein Licht und sicherer als ein bekannter Weg.»


Mit ganz zuversichtlichen Grüssen

Benedict Schubert