NEUJAHRSLIED
Unsere «Tagesdosis» soll ja keine Einbahnstrasse sein – wir freuen uns im Gegenteil darüber, wenn von Ihnen, von Euch eine Anregung kommt zu einem Motiv, das wir doch einmal ansprechen sollten, oder wenn ein Text in unserer Mailbox landet. So ging es mir gestern – und gediegenerweise kam der Gruss nicht in der Mailbox, sondern im Briefkasten. In einer schönen Fotokarte, die einlädt, auf das neue Jahr wie über den still daliegenden See in eine weite Winterlandschaft hinauszuschauen, schrieb mir eine Freundin einen ermutigenden Gruss und dazu das Neujahrslied von Johann Peter Hebel. Das ist eine sehr schöne Dosis für diesen letzten Tag im Jahr. Hebel erspart mir auf diese Weise auch eine schwierige Aufgabe. Was zu schreiben wäre angemessen gewesen zu Silvester dieses Jahres, das für so viele Menschen und für die Welt ein so schlimmes Jahr war?

Neujahrslied

Mit der Freude zieht der Schmerz
traulich durch die Zeiten.
Schwere Stürme, milde Weste,
bange Sorgen, frohe Feste
wandeln sich zu Zeiten.

Und wo eine Träne fällt,
blüht auch eine Rose.
Schon gemischt, noch e wir's bitten,
ist für Throne und für Hütten
Schmerz und Lust im Lose.

War's nicht so im alten Jahr?
Wird's im neuen enden?
Sonnen wallen auf und nieder,
Wolken gehn und kommen wieder
und kein Mensch wird's wenden.

Gebe denn, der über uns
wägt mit rechter Waage,
jedem Sinn für seine Freuden,
jedem Mut für seine Leiden
in die neuen Tage,

jedem auf dem Lebenspfad
einen Freund zur Seite,
ein zufriedenes Gemüte
und zu stiller Herzensgüte
Hoffnung ins Geleite!


Mit einem letzten Gruss im Jahr 2020

Benedict Schubert