ZEIT UND EWIGKEIT
Die Zeit des Übergangs zwischen Weihnachten und Epiphanias, dem Dreikönigstag, hat ihren eigenen Zauber. Die Festtage sind an Daten gebunden, der Wochenrhythmus passt aber nie genau in die 365 Tage des Jahres (oder gar der 366 des vergangenen Schaltjahrs). Das bringt jeweils über den Jahreswechsel eine Art Verwirrung: Hatten wir nicht eben schon Sonntag? – Ach nein, das war ja bloss Neujahr...
Ich erlebe diese Verwirrung jeweils als wohltuend. Sie macht mir bewusst, wie sehr es eine Illusion ist zu meinen, wir könnten und müssten unser Leben durchtakten. Beim Durchtakten besteht nämlich die grosse Gefahr, dass wir nicht wahrnehmen, was in einem Zeitpunkt wirklich «drin» liegt.
Ich lege Ihnen für heute den grossartigen Text des skeptischen Predigers vor:

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:
geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit;
pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;
töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit;
abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;
weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit;
klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;
Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit;
herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit;
suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit;
behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit;
zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit;
schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit;
lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit;
Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.

Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon.
Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.
Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.


Und weil ich wieder einmal Johann Peter Hebel hervorgenommen hatte, auch noch dieses Zitat:

Es gibt für mich keine eingreifendere Versinnlichung der Ewigkeit als das Stillstehen einer Uhr, wo es ewig z.B. dreiviertel auf neun bleibt.

Mit ganz und gar ungetakteten Grüssen

Benedict Schubert

P.S. Ich habe nach Vertonungen des Textes gesucht – und war erstaunt, dass ich kaum etwas fand. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es keinerlei Kompositionen dazu gibt. Falls jemand etwas weiss und kennt, bin ich für Hinweise sehr dankbar!
Unter «Alles hat seine Zeit» kommen eine Reihe von Liedern, aber die meisten mochte ich jedenfalls mir nicht antun. Überrascht war ich indessen dass bei meiner Suche von Peter Maffay, den ich nur dem Namen nach kenne, dieses erstaunliche Lied auftauchte:
www.youtube.com/watch?v=yA0jkDr5fL0

Vertraut ist mir das «Turn, turn, turn» von Pete Seeger, der mit seinen Liedern einen wichtigen Beitrag in der Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre in den USA geleistet hat.
www.youtube.com/watch?v=CGDoxnjCSLY

Pete Seeger «verführte» in seinen Konzerten die Menschen dazu, die Lieder mitzusingen, die von der Gerechtigkeit sangen, von der Hoffnung; am berühmtesten ist wohl das «We shall overcome»
www.youtube.com/watch?v=LVQ6Y8szaBQ

Wenn Sie Englisch verstehen, dann schauen Sie sich diesen Ausschnitt aus einem Interview an, das sein Biograf Alec Wilkinson mit dem 90-jährigen Pete Seeger führte:
www.youtube.com/watch?v=i2OYfmiysWo