Drei Männer_Richter
E STERN ISCH AM HIMMEL GSTANDE
1850 veröffentlichte der damalige Münsterpfarrer Abel Burckhardt «den Kindern und Müttern der Heimat» baseldeutsche geistliche Kinderlieder. Im Vorwort zur zweiten Auflage, die sein Sohn um die Jahrhundertwende herausgab, wird Friedrich Spitta zitiert, der die Lieder ins Hochdeutsche übertragen hatte. Sie seien den meisten anderen frommen Liedern überlegen «in der schlichten und tiefen Weise, in welcher sie das Kind in das Leben Jesu einführen, wie sich die Gemeinde dasselbe im Verlauf des Kirchenjahres vergegenwärtigt.» Über den vier Weihnachtsliedern sei «ein wunderbarer Duft holdseliger Kindlichkeit» ausgegossen.

Zwei dieser Weihnachtslieder gehörten schon für mich und gehören auch für unsere inzwischen erwachsenen Kinder zum festen Repertoire; das Lied, das zum heutigen Dreikönigstag passt, wollte eines unserer Kinder damals im Kindergartenalter auch im Sommer als Gutenachtlied gesungen haben.
Wie auch in den anderen Liedern sollen wir uns ins Geschehen hineinsingen. Singend versetzen wir uns dorthin, wo das Heilvolle geschieht. Wir werden auf schlichte Weise in die Geschichte hineingenommen – auch dadurch, dass die von der Legende zu Königen gemachten Weisen aus dem Morgenland aus ihrer royalen Distanz in die bürgerliche Normalität geholt werden: Drei Männer kommen, fragen, beten an.

E Stern isch am Himmel gstande
Er isch uf aimol ko;
Ir Mensche in alle Lande, Lande
Eier Hailand isch jetzt do

Drei Männer sind ko froge
Non em Kind z'Jerusalem
Drei Männer, die sind zoge
In der Nacht uf Bethlehem

Drei Männner sind voll Verlange
Vor e klaini Dire ko
Do sind sie yne gange
Händ Gold und Weirauch gno

Und händ fast miesse gryne
Und sind am Bod kneit;
Hätt i kenne mit ene yne,
O grossi Herligkait!


Im Netz habe ich Aufnahmen gefunden von einem Adventskonzert des Cäcilienchors Aesch zusammen mit dem Museum Kleines Klingental. Unter dem Titel «Basel komponiert» haben sie auch die Weihnachtslieder Burckhardts interpretiert. Das Lied von den drei Männern können Sie hier hören: www.youtube.com/watch?v=VfwbCt1_zX4&list=RDMf0mUCZ-pnQ&index=6

In dieser Version werden die beiden letzten Strophen weggelassen. Sie lauten so:

Emolen, ach emole
Darf ich au yne goh,
Wenn d’Englei mi hole,
Dass i soll vor em Hailand stoh.

Und lueg i mit Alle zämme
Der Her Jesus in d’Augen a,
Wie wird i mii derno schämme,
Dass i so vil gsindiget hat.


Es scheint auch theologisch gute Gründe zu geben, diese Strophen nicht mehr zu singen. Wir feiern an Weihnachten, dass wir nicht bis nach dem Tod zu warten haben, um dem Lebendigen zu begegnen, sondern dass Gott uns hier und jetzt antrifft, und wir Gott.
Und kann man das «Wie wird i mi derno schämme» anders als mit ironischer Brechung singen? Vielleicht geht das heute tatsächlich nicht mehr anders. Oder verbirgt sich in der scheinbar harmlosen Sprache des Biedermeier ein bedenkenswertes Motiv – dass wir uns nämlich, wenn wir anbetend vor dem Kind in der Krippe knien, bewusst machen, wie sehr unsere Welt in Unordnung ist, einer Unordnung an der wir mit beteiligt sind?

Mit nachdenklichen Grüssen

Benedict Schubert