Riss im Vorhang
EIN RISS. KEIN RISS.
Für die drei «Synoptiker» Matthäus, Markus und Lukas ist der Tod Jesu weltbewegend. Matthäus beschreibt das, was geschieht, besonders expressiv als kosmische Umwälzung: Finsternis legt sich über das Land, die Erde bebt, die Gräber springen auf. Und der Vorhang im Tempel zerreisst von oben bis unten.

Es tut sich ein heilvoller Riss auf. Vorher war der Zugang zum geheimnisvollen Ort, an dem Gottes Gegenwart erfahrbar war, strikt reserviert: Nur einmal im Jahr am Versöhnungstag, dem «Jom Kippur», durfte ein einziger Mensch, nämlich der Höchste Priester, diesen allerheiligsten Ort betreten – stellvertretend für das ganze Volk.
Dass der Vorhang in dem Moment reisst, in dem Jesus stirbt, ist ein starkes Bild: Jetzt ist der Weg frei, und wir können, wie der Hebräerbrief uns ermahnt, hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in der Fülle des Glaubens (10, 22f).

Bei Johannes wird die Kreuzigung weniger drastisch geschildert. Wie wenn der Evangelist uns verschonen wollte vor allzu viel Blut und Gewalt. Bei ihm stirbt Jesus auch nicht mit einem verzweifelten Schrei, sondern lässt sein Leben los, weil er seine Mission erfüllt hat: Es ist vollbracht (19, 30).
Bei ihm ist auch nicht vom Riss im Vorhang die Rede. Er betont im Gegenteil, dass etwas nicht zerrissen sei, nämlich das Untergewand Jesus, sein Rock. Als Gratifikation erhielten die Henkersknechte die Kleider der Hingerichteten. Den Mantel zerschnitten sie gerecht in vier Stücke, für jeden einen. Den Rock aber, das Untergewand, mochten sie nicht zerteilen, denn er war in einem Stück gewoben von oben bis unten.

Das aus einem Stück gewobene Kleid ist ein Attribut des Priesters. Johannes zeichnet so den Gehenkten als den, der zwischen dem geheimnisvollen Gott und uns Menschen vermittelt. Das Nahtlose und Eine war von hoher symbolischer Bedeutung. Die Heiligkeitsgesetze des Alten Bundes klärten, ob jemand makellos oder eben maklig, ob er rein sei und vor Gott treten dürfe oder sich von ihm fernzuhalten habe. Die entsprechenden Vorschriften waren für Priester besonders streng. Das entspricht einem archaischen Bedürfnis: Priester sollen etwas von der Vollkommenheit Gottes widerspiegeln als Kontrast zu unserer eigenen Unvollkommenheit und Gebrochenheit.
Wenn Johannes also den gekreuzigten Jesus mit diesem von oben her an einem Stück gewobenen Unterkleid beschreibt, weist er damit darauf hin: Gottes Vollkommenheit zeigt sich in dieser Gebrochenheit, im Unreinen. Gottes verborgener Glanz leuchtet auf im Akt der Konsequenz, mit dem Jesus sein Leben hingibt, seinen Geist aufgibt. Das ist das Ende aller Götzen, die wir uns goldig, stark wie Stiere, ausgestattet mit Blitz und Donner schaffen. Gott ist gegenwärtig in ihm, der scheinbar scheitert, in ihm, der leidet, in ihr, die zerbricht – solcherart sind Gottes Priesterinnen und Priester. Sie werden uns zu Vermittlerinnen und Vermittlern, in ihrer Nähe erleben wir etwas von Gottes Nähe.

Der Riss im Vorhang – das nicht zerrissene Unterkleid. Beides sagt uns zu: An Karfreitag geht die Tür auf in den hellen, weiten Raum des Lebens.
Dass das nicht nur paradox scheint, sondern paradox ist, und dass wir es nicht abschliessend erklären können, erleben wir Jahr für Jahr an Karfreitag. Aber das hindert uns nicht daran einzutreten in diesen weiten Raum und zu leben.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Karfreitag, einen Tag der Gnade

Benedict Schubert