KLEINE SCHACHTELN
Vor sechzig Jahren schuf die amerikanische Liedermacherin und Politaktivistin Malvina Reynolds das kritische Lied «Little Boxes». Durch Pete Seeger, der es in seinem Konzert in der Carnegie Hall 1963 sang wurde es berühmt und seither immer wieder aufgenommen. Sie finden den Text dieser beissenden Satire auf den Konformismus unten.

Bei der Lektüre eines spannenden Buches, das der amerikanische Theologe Andrew Root geschrieben hat, ist mir klar geworden, dass das Lied noch einen viel tieferen Sinn hat – weil diese «little boxes» ein gutes Symbol sind für einen entscheidenden Wandel, der in dem stattgefunden hat, wie wir uns selbst, unser «Ich» wahrnehmen. Root schreibt für Pfarrer*innen, die ihren Dienst unter Menschen tun, die Gott nicht mehr brauchen (Ministry to People Who No Longer Need a God lautet der Untertitel seines Buchs «The Pastor in a Secular Age» [Grand Rapids 2019]).

Ein Aspekt des langen und umfassenden Prozesses, den man mit «Säkularisierung» beschreibt, bestehe darin: Für die Generationen vor uns hat zur Wirklichkeit noch selbstverständlich ein jenseitiger, transzendenter Teil gehört. Sie gingen – mit weniger Ausnahmen – davon aus, dass die sicht- und messbare, die mit den Instrumenten der Wissenschaften zu erforschende Welt nicht das Ganze ist. Doch das hat sich inzwischen grundlegend geändert. Heute gehen die Menschen – mit wenigen Ausnahmen – selbstverständlich davon aus, dass die Welt «immanent» ist, radikal diesseitig. Ein Jenseits gibt es bloss in der Imagination derjenigen, die das (noch) nötig haben. Der Mensch ist nicht nach dem Bild Gottes geschaffen, sondern Gott nach dem Bild des Menschen.
Entsprechend hat sich auch das «Ich» verändert. Root schreibt: «Wir [Pfarrer*innen] tun unseren Dienst nicht mehr gegenüber Menschen mit einem porösem, durchlässigen Ich, das grundsätzlich offen ist gegenüber geistigen Kräften [spiritual forces], sondern gegenüber solchen mit einem abgeschotteten Ich. Um es in einem Bild zu sagen: Das innere Leben der Menschen in unseren Gemeinden ist nicht in Zelten oder wenigstens Mietshäusern daheim, wo es umgeben ist von den Gerüchen, Geräuschen und Bewegungen des Geistigen und sich ihnen nicht entziehen kann. Unser Ich lebt vielmehr in grossen, ruhigen Häusern, etwas zurückversetzt von der Strasse, mit Sicherheitssystemen, die angeben, sobald jemand die Grenzen des Ich überschreitet, besonders dann, wenn es eine geistige Kraft ist. Es ist nicht so, dass wir das Geistige, Spirituelle nicht erführen oder dass es unerwünscht wäre; es scheint uns nur auf jeden Fall kontrollierbar. Weil das Ich dagegen abgeschottet ist, geistigen Kräften zu begegnen, die es nicht wünscht, wählt es das Geistige, Spirituelle als ein Accessoire – und die Wahl fällt in der Regel auf Spiritualitäten, die eher im Trend liegen als die traditionelle Kirchlichkeit.» (68)

Während Root von «grossen, ruhigen Häusern» schreibt, frage ich mich manchmal, ob zu viele sich nicht mit «little boxes» zufriedengeben. Gut möglich, dass ich noch einmal auf Andrew Root zurückkomme. Doch ich befürchte, dass das schon eine etwas befrachtete Dosis ist. Das Lied von Malvina Reynolds bringt wieder etwas Leichtigkeit!

Mit herzlichen Grüssen

Benedict Schubert


Little boxes on the hillside,
Little boxes made of ticky tacky
Little boxes on the hillside,
Little boxes all the same.
There's a green one and a pink one
And a blue one and a yellow one,
And they're all made out of ticky tacky
And they all look just the same.

And the people in the houses
All went to the university,
Where they were put in boxes
And they came out all the same,
And there's doctors and lawyers,
And business executives,
And they're all made out of ticky tacky
And they all look just the same.

And they all play on the golf course
And drink their martinis dry,
And they all have pretty children
And the children go to school,
And the children go to summer camp
And then to the university,
Where they are put in boxes
And they come out all the same.

And the boys go into business
And marry and raise a family
In boxes made of ticky tacky
And they all look just the same.
There's a green one and a pink one
And a blue one and a yellow one,
And they're all made out of ticky tacky
And they all look just the same.


Das Original von Malvina Reynolds: www.youtube.com/watch?v=2_2lGkEU4Xs
Gesungen von Pete Seeger: www.youtube.com/watch?v=XUwUp-D_VV0
Deutsche Version von Gerhard Schöne: gerhardschoene.bandcamp.com/track/kleine-schachteln