Raum für Wandel
RAUM FÜR WANDEL
Kürzlich hat eine ältere Dame aus unserer Gemeinde mich um einen Besuch gebeten. Sie ist sehr guter Dinge und erfreut sich bester Gesundheit, hat aber auch ein Alter erreicht, in dem es nicht besonders sinnvoll ist zu meinen, es lägen noch Jahrzehnte vor Dir. Deshalb wollte sie mit ihren Kindern und dann eben auch mit mir ein paar Fragen klären. Oft sind das ausgesprochen praktische Fragen dazu, wer bei einem Todesfall eigentlich was zu tun habe. Sie selbst, meinte sie allerdings lächelnd, müsse ja dann gar nichts mehr.
Ich habe diesen Besuch sehr gerne gemacht, weil ich es ausgesprochen hilfreich finde, wenn Menschen nicht verdrängen, dass ein Ende, ihr Ende einmal kommt. (Ich zitiere gerne Marc Lüthi, den ehemaligen Leiter des Friedhofs Hörnli. In einem Gespräch rief er einmal aus: «Da haben die Leute ein Leben lang Zeit, sich auf den Tod vorzubereiten, aber sie machen es nicht!»)

Ich besuchte also diese Dame und kam im Treppenhaus an einer Wohnungstür vorbei, vor der zart blühende (allerdings künstliche...) Zweige in einer Vase standen. An der Tür ein Schild: «Herzlich willkommen im ‘RAUM FÜR WANDEL’. Bitte eintreten!».
Suchmaschinen fürs Internet lassen einen vieles finden. Ich dachte also, es wäre leicht zu erfahren, welche Art von Wandel mich hinter jener Tür erwartet. Doch ich weiss es nicht. Ich bin zwar auf BaselWandel gestossen, «...eine offene Plattform für sozial und ökologisch Engagierte und Interessierte in der Region.» Eine Frau Stähli bietet in ihrem Raum für Wandel «Kinesiologie, Coaching, prozessorientierte Körperarbeit und Lomi Lomi Bodywork» an, tut das indessen in Bern. Balvia fragt mich: «Sie möchten Ihre Immobilie verkaufen, die Liegenschaftsverwaltung in professionelle Hände legen oder träumen vom Eigenheim?» Die Stadtwerkstatt Basel betreibt einen «Raum für Wirkung und Wandel. Ausgangpunkt des Wirkens der Stadtwerkstatt sind die ehemaligen Werkstätten der Skulpturhalle Basel sowie ein rund 200m² grosser Projektraum an der Schanzenstrasse 11.»

Doch welche Art von Wandel mit mir hinter jener Tür geschehen soll, weiss ich immer noch nicht. Ich habe die Nachbarin gefragt, doch sie wusste es auch nicht: «Sie sind sehr, sehr nett. Aber ich glaube nicht, dass ich mal hingehe.» Ich darf mir also alles ausmalen; der blühende Zweig vor der Tür macht mir Hoffnung. Ob ich eintrete und einen heilsamen, entlastenden Wandel erlebe? Fallen Sorgen ab? Lasse ich Vorurteile liegen? Werde ich vor Ängsten befreit? Entdecke ich kreative Möglichkeiten, die in mir schlummerten, ohne dass ich etwas davon wusste? Kann ich etwas in Ordnung bringen, was mich schon lange belastet und umtreibt? Fällt mir mein einem Mal etwas leicht, womit ich mir bisher schwer tat?

Auch ich habe nicht vor, bei jener Tür einmal zu klingeln, denn ich gehe davon aus: Ein «Raum für Wandel» steht mir schon längst offen. Ich habe das Evangelium genau so erlebt. Ich feiere Gottesdienst mit genau dieser Erwartung. Ich gönne mir Auszeiten, nach Möglichkeit täglich ein wenig, mindestens einmal im Jahr länger: Raum für Wandel.
Bitte eintreten!

Mit wandelfreudigen Grüssen

Benedict Schubert