Kahlschlag_03
KAHLSCHLAG
Wer von Riehen aus das Moostäli hoch und dann durch den Wald nach St. Chrischona spaziert (oder mit dem Velo fährt, wie ich mir das zur erfrischenden Gewohnheit gemacht habe), kommt an immer mehr Stellen vorbei, wo die Forstverwaltung einen heftigen Kahlschlag angeordnet hat.
Auf Plakaten wird die Massnahme einleuchtend begründet. Die gefällten Bäume waren aufgrund der Trockenheit der letzten Jahre teilweise schwer von Pilzen befallen und wurden zur Gefahr. Sie werden deshalb gefällt. An ihrer Stelle sollen beispielsweise Eichen gepflanzt werden, die weniger Wasser brauchen. Der Klimawandel ist im Riehener Wald angekommen. Der Kahlschlag soll ihm sinnvoll begegnen.
Diese Erläuterung macht den Anblick der brutalen Lichtungen aber nicht schöner. Und ausserdem bin ich skeptisch, seit ein aufmerksam beobachtender Naturfreund uns kürzlich erläuterte: Bei solchen Forstarbeiten fahren sie mit schweren Maschinen in den Wald. Diese drücken durch ihr Gewicht die darunter liegenden Wurzeln zusammen und nehmen ihnen Sauerstoff. Damit wird ihr Wachstum behindert, die Stabilität der Bäume wird beeinträchtigt und damit das Risiko erhöht, dass sie dem nächsten Sturmwind nicht standhalten. Gut möglich also, dass mit der jetzt realisierten Lösung des Problems gleich ein neues entsteht.

Nun kann ich das alles nicht wirklich beurteilen und will also diese Tagesdosis auf keinen Fall als billige Kritik an der Riehener Forstverwaltung verstanden wissen.
Denn ich will eigentlich bloss über das Stichwort «Kahlschlag» nachdenken. Es ist ein heftiger, schmerzhafter Eingriff in das Bestehende. Ein Kahlschlag kommt mir wie eine Notmassnahme vor, wenn vorher etwas schiefgelaufen ist. Statt von Kahlschlag reden wir manchmal auch von tabula rasa. Wer reinen Tisch macht, gibt zu erkennen: Das, was an Resten noch da war, konnte nicht mehr gerettet werden. Wir müssen aufräumen, reinigen, ganz neu anfangen.

Gab es in meinem Leben einmal Kahlschläge?
Gab es sie in der Geschichte der Kirche?
Müsste es sie geben?

Denken Sie bitte nicht, das sei kein Thema das in die Osterzeit passt. Es gibt schliesslich keinen heftigeren Kahlschlag als den Tod. Doch der ist nicht das Ende.

Um es mit Huub Osterhuis zu sagen, dem holländischen Dichter-Priester:

Du bekamst einen Sarg um dich herum.
Du stösst den Deckel weg
und stehst auf kribbelnden Füssen.
Eine Hand zieht dich aus dem Abgrund heraus.



In der Hoffnung auf – zum Beispiel – spriessende Eichen

Benedict Schubert