Themenreihe: "Jesus hätte getwittert"

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Zum hochaktuellen Thema "Luther und Social Media" findet derzeit im Zwinglihaus eine fünfteilige Veranstaltung statt. Den Auftakt bildete ein Podiumsgespäch am Dienstag, 17. Januar um 19.30 im Zwinglihaus. Es diskutierten die Social-Media- und Kirchen-Experten Annica Grimm, Frank Lorenz und Matthias Zehnder unter der Moderation von Pfarrer Andreas Möri.
Katharina Truninger,
1517 verbreitete Martin Luther die Gedanken der Reformation mit dem Buchdruck, dem damals neusten und - völlig revolutionären - Kommunikationsmittel seiner Zeit. Heute, 500 Jahre später, nehmen die "Social Media", die Sozialen Medien, eine ähnlich revolutionäre Rolle ein wie damals der Buchdruck. Mit ihrer immens schnellen, ja explosiven Verbreitungskraft, die einem Lauffeuer gleicht, erlauben es Soziale Medien wie Twitter, Facebook & Co., eine Nachricht per Mausklick und in Sekundenschnelle buchstäblich um den Erdball zu tragen. Und mehr noch: Die Nachrichten auf Facebook & Co. gelangen ganz direkt zu den Menschen, in ihre Wohn- und Arbeitszimmer, auf die Bildschirme ihrer Handys, Uhren und Tablets, sie sind überall und jederzeit, rund um die Uhr, verfügbar.
Auf dem Podium diskutierten zu diesem spannenden und hochaktuellen Thema drei "Cracks" in Sachen Kirche und Soziale Medien: Annica Grimm, Theologin und Bildungsverantwortliche der kath. Kirche BS/BL und Bildungsbeauftragte des Internetportals katholisch bl.bs; Frank Lorenz, evangelischer Pfarrer, Journalist und Co-Leiter der Offenen Kirche Elisabethen (OEK); sowie Journalist Matthias Zehnder, ehemaliger Chefredaktor von "Coopzeitung" und "bz basel" und heute Medienbeauftragter der ERK Basel. Der Publizist Matthias Zehnder ist seit 25 Jahren Experte für Neue Medien, unter anderem für SRF oder NZZ.

Chancen und Gefahren von Facebook & Co.
Alle drei Redner waren sich darin einig, dass heute niemand mehr um die Sozialen Medien herum kommt. Sie gehören zu unserer Zeit wie das Amen zur Kirche. Die Neuen Medien, also Internet, E-Mail, Google, Twitter, Facebook, LinkedIn und wie sie alle heissen, sind heute so allgegenwärtig, dass man mit ihnen leben MUSS, ob man sie gut findet oder nicht. Denn: Verschwinden werden die Neuen Medien und auch die Social Media wie Facebook garantiert nicht mehr, ob man sie gut findet oder nicht. Wir können das Rad nicht zurückdrehen, so Zehnder. Es gelte also, die Chancen der Neuen Medien möglichst klug zu nutzen. Annica Grimm brachte es so auf den Punkt: Die Frage, ob die Kirchen die Sozialen Medien nutzen wollen oder sollen, stellt sich gar nicht (mehr). Sie müssen. Sie haben gar keine andere Wahl. Meinungsbildung finde heute im Internet und über die Sozialen Medien statt. Und wer bei Meinungsbildung und öffentlichem Diskurs mit dabei sein will, muss zwingend die Sozialen Medien nutzen. Für die Kirche gibt es kein Entweder - Oder. Es gibt nur ein Sowohl, Als auch", betonte Grimm. Will heissen: Die Kirche soll zwar weiterhin direkt vor Ort zu den Leuten sprechen, also am Sonntag in der "Kirche" Gottesdienst feiern, aber sie soll auch digital präsent sein und die Menschen via Facebook oder Twitter ansprechen.

In der Kürze liegt die Würze
So wie Luther mit dem Buchdruck und via Flugblätter eine ganz neue, breite Öffentlichkeit erreichte und damit das Wissen nicht wie die Klöster nur einer gebildeten Oberschicht vorbehielt, sondern die Heilige Schrift allen Menschen zugänglich machte, haben auch die Sozialen Medien unserer Zeit revolutionären Charakter und eine enorme Sprengkraft. Dies betonte Frank Lorenz anhand einiger Beispiele. Die grosse Chance der Neuen Medien liege darin, dass man mit wenig (finanziellen) Mitteln eine riesige Öffentlichkeit erreichen kann. Gerade für sozial engagierte Menschen oder Institutionen ohne Millionenbudget liege darin ein enormer Vorteil gegenüber den herkömmlichen Medien wie Fernsehen oder Zeitung. So sei etwa die sozial engagierte Politikerin und Bloggerin Flavia Kleiner ein gutes Beispiel, wie man mit wenig Geld über die Sozialen Medien sehr viel erreichen kann.
Die Kirchen haben bisher die Sprengkraft der Sozialen Medien eher stiefmütterlich für sich genutzt. Dennoch gibt es erste, schöne Beispiele, wie Grimm und Lorenz aus ihrer eigenen Arbeit illustrieren: So ist die OEK etwa mit einem Facebook-Profil und einer App bei den Sozialen Medien präsent. Und katholisch bl.bs hat ihren Nutzern während der Fastenaktion sogenannte "Visual Statements" via Facebook geschickt. Visual Statements seien so etwas wie Kalendersprüche, erklärte Grimm. Kleine, kurze Gedanken oder Bilder, die etwas aussagen, mit denen die Kirche Stellung bezieht. Gedanken, die man in den Tag, in die Woche hinein mitnehmen kann - oder eben nicht.

Facebook braucht mutige Menschen

Dass die Sozalen Medien nur funktionieren, wenn man kurz und knackig schreibt, liebt auf der Hand. Jesus hätte getwittert, ist Frank Lorenz überzeugt. Jesus sprach in einer einfachen, kurzen Sprache und er formulierte seine Sätze so, dass sie sich einem einprägen und auch ein Fischer oder eine Prostituierte seine Botschaften verstand. Selig sind die Armen, denn sie kommen ins Himmelreich. Dieser Satz aus der Bergpredigt habe Sprengkraft, er wäre heute der perfekte Tweet, ist Lorenz überzeugt
Was schliesslich alle drei Podiumsteilnehmer betonten: Die Sozialen Medien funktionieren vor allem über Menschen: Ich muss als Annica Grimm hinstehen und auch mal etwas Persönliches von mir preisgeben. Ein Selfie zum Beispiel, oder was ich mag oder nicht mag. Ich zeige der Welt mit meinen "Likes" (Daumen hoch bei Facebook), für was ICH stehe, welche Werte und Haltungen MIR als Mensch und Christin wichtig sind. Das brauche zuweilen etwas Mut. Doch es lohne sich. Ich möchte Sie alle ermutigen, bei Facebook & Co. mitzumachen, so Grimm. Etwas Schwellenangst gehöre dazu, doch passieren könne dabei eigentlich nicht viel. Und sie plädierte für etwas mehr Mut, sich einfach bei Facebook anzumelden und auszuprobieren. In diesem Sinn zitierte Frank Lorenz in seinem Schlussvotum Zwinglis Worte: Tut um Gotts Willen was Mutiges!

Die weiteren Veranstaltungen zur Reihe Martin Luther und Social Media finden am Do, 2. und 9. Februar, um 19.30 im Zwinglihaus sowie am Di, 14. Februar, um 18 Uhr und 19.30 Uhr in der Titus Kirche statt.