Reformierte Kirchgemeinde Gundeldingen-Bruderholz

Religion in den Medien: Was ist faire Berichterstattung?

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Darüber diskutierten im Rahmen der Woche der Religionen am 7. November im Zwinglihaus die Islamwissenschaftlerin und Journalistin Amira Hafner Al-Jabaji und der Reporter Andreas Maurer von CH-Media unter Leitung von Andreas Möri (Studienleiter Forum für Zeitfragen) vor rund 80 Zuhörerinnen und Zuhörern.
Ruedi Spöndlin,
Warum berichten die Medien immer nur über Negatives, auch im Zusammenhang mit Religionen? Diese Klage ist altbekannt. Könnten Medienschaffende nicht auch einmal den ganz unspektakulären Alltag einer Religionsgemeinschaft darstellen?
«Darüber will niemand lesen», erklärt Andreas Maurer, Reporter bei CH-Media, an der Podiumsdiskussion am 7. November im Zwinglihaus. Ganz ähnlich verhalte es sich im Gespräch über alltägliche Begebenheiten. «Wenn Sie am Morgen aufstehen», so Maurer, «sagen Sie auch nicht, die Kaffemaschine funktioniere gut. Für erwähnenswert halten sie es nur, wenn sie nicht funktioniert oder der Kaffee besser als sonst schmeckt».
Die Islamwissenschaftlerin und Journalistin Amira Hafner Al-Jabaji pflichtet ihm bei: «Ein Ereignis ist, was sich von der Normalität abhebt». Sie kritisiert jedoch, dass in den sogenannten News-Medien Leute ohne jegliche Vorkenntnisse über religiöse Themen schreiben. Entsprechend unfundiert falle die Berichterstattung dann aus. In anderen Ressorts wäre das undenkbar. Wer den Unterschied zwischen den Eishockey- und den Fussballregeln nicht kennt, könne nicht im Sportteil einer Zeitung publizieren. Und im Wirtschaftsressort dürfe nur schreiben, wer über fundierte volkswirtschaftliche Kenntnisse verfügt.

Über Unliebsames nicht zu berichten, wäre falsch

Hafner Al-Jabaji ist unter anderem für das Fernsehen SRF tätig, das auch einen Bildungsauftrag hat. Dort sei es durchaus möglich, Hintergrundwissen abseits der Tagesaktualität zu vermitteln. Auch Maurer will Wissen vermitteln. Um ein breites Publikum zu erreichen, müsse er dazu aber aussergewöhnliche Ereignisse aufgreifen, wie etwa die sogenannte Therwiler Handschlagaffäre, als sich zwei muslimische Schüler weigerten, ihrer Lehrerin zur Begrüssung die Hand zu reichen. «Über so was nicht zu berichten, wäre eine falsche Entscheidung», so Maurer. «Aber man muss intelligent und fair darüber schreiben».

Ein kontroverser Diskussionspunkt ist der Artikel «Warum Männer ihre Frauen schlagen» von Andreas Maurer in der BZ vom 3. September dieses Jahres. Er fasst eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft zusammen, die zeigt, dass die Religionszugehörigkeit einen Einfluss auf die Gewaltbereitschaft hat. Einer von fünf muslimischen Jugendlichen im Alter von 17 und 18 Jahren habe die Frage bejaht, ob ein Mann seine Frau schlagen dürfe, wenn sie ihn betrügt. Unter den Katholiken derselben Altersgruppe betrage dieser Anteil immerhin noch 7.1 Prozent, unter Protestanten hingegen nur 4.5 und unter Konfessionslosen 4.8 Prozent.

Die Schlagzeile macht es aus

Inhaltlich gibt es am Bericht von Andreas Maurer nichts auszusetzen, er fasst die Studie zutreffend zusammen. Was Amira Hafner Al-Jabaji missfällt, ist jedoch die Schlagzeile auf der Frontseite der betreffenden BZ-Ausgabe. Diese lautet: « Jeder fünfte Muslim in der Schweiz toleriert Gewalt gegen Frauen». Auch diese gibt die Resultate der Studie zwar sachlich richtig wieder. Hafner Al-Jabaji weist aber darauf hin, dass die Berichterstattung zu solchen Themen nicht auf ein unbeackertes Feld falle, sondern sich an eine Gesellschaft richte, in der antimuslimische Vorurteile weit verbreitet sind. Mit der betreffenden Schlagzeile würden Medienschaffende diese ansprechen und verstärken. Und damit nähmen sie ihre Verantwortung ungenügend wahr. Maurer hat die betreffende Schlagzeile zwar nicht selber formuliert, das tat der sogenannte Blattmacher. Aber er kann gut mit ihr leben.

Maurer erklärt, die Studie zeige, dass problematische Rollenbilder einen Zusammenhang zur religiösen Einstellung aufwiesen. Wer patriarchalische Aussagen aus der Bibel und dem Koran wörtlich verstehe, entwickle zweifellos eine unzeitgemässe Vorstellung von Männlichkeit. Daraufhin weist Hafner Al-Jabaji nochmals darauf hin, dass mehr religiöses Basiswissen im Journalismus not täte. Verweise, wonach stets die religiösen Schriften, wie Koran und Bibel, der wichtigste Grund für Fehlverhalten seien, seien sachlich falsch und problematisch. Im Laufe des Gesprächs zeigt sich allerdings, dass diese Kritik auf Andreas Maurer eher nicht zutrifft. Er scheint über ein recht fundiertes Wissen zu verfügen, übernimmt auf dem Podium aber ein Stück weit die Rolle des advocatus diaboli, um die Diskussion zu beleben.

Qualitätseinbusse durch Zeitungskonzentration?

Gegen Ende der Veranstaltung melden sich auch viele der rund 80 Zuhörerinnen und Zuhörer im Saal zu Wort. Eine Frau spricht das Problem an, dass immer mehr kleine Zeitungen verschwinden. Dadurch erlange eine problematische Zuspitzung viel mehr Gewicht, weil weniger andere Medien als Korrektiv zur Verfügung stehen. Maurer relativiert diese vermeintliche Qualitätseinbusse allerdings. Früher, als die Basellandschaftliche Zeitung (BZ) noch selbständig war, habe deren In- und Auslandteil aus denselben Agenturmeldungen bestanden, die in unzähligen anderen kleinen Zeitungen auch erschienen sind. Heute hingegen gehöre die BZ zum Verbund CH-Media, der über eine eigene Inlandredaktion verfüge, die fundiert recherchieren könne.

Zum Schluss stellt Diskussionsleiter Andreas Möri nochmals ganz konkret die Frage, was faire Berichterstattung ausmache. Andreas Maurer meint: «Über emotional aufgeladene Themen möglichst nüchtern berichten, trockene - etwa die Entwicklung des Hypothekarzinses – hingegen prägnant zuspitzen». Amira Hafner al-Jabaji gibt zu bedenken: «Unsere Welt wird immer komplexer, gleichzeitig sollen Journallistinnen und Journalisten Komplexität reduzieren. Dabei gehen sie aber oft zu weit. Man kann den Menschen eine gewisse Komplexität zumuten».

Ruedi Spöndlin

Veranstalter waren die Basler Muslimkommission, das Forum für Zeitfragen und die Kirchgemeinde Gundeldingen-Bruderholz, Unterstützung gewährten VBG – Christsein in Beruf, Studium und Schule sowie die Muslim Students Association University of Basel
Autor
Andreas Möri

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