Glaube ohne Gott – ein spannendes Podiumsgespräch

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«Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen ...», heisst es im Glaubensbekenntnis. Aber wer glaubt das in der heutigen Zeit wirklich noch? Ob eine Kirche ohne Glaube an einen personalen Gott möglich ist, war Thema einer Podiumsdiskussion am 27. Oktober dieses Jahres im Zwinglihaus.
Ruedi Spöndlin,
«Ich glaube nicht an einen Gott im Himmel, der unsere Gebete erhört». Das hat Ella de Groot einer Frau geantwortet, die sie fragte, ob der Himmel leer sei. Ella de Groot ist Pfarrerin der reformierten Kirchgemeinde Muri bei Bern und hat seit 2013 mit Aussagen zu einem Glauben ohne Gott öffentliche Beachtung gefunden. Am von über 50 Personen besuchten Podiumsgespräch im Zwinglihaus erklärt sie ihren Standpunkt.

Mit auf dem Podium sitzt Georg Pfleiderer, Professor für Ethik und systematische Theologie an der Universität Basel. Er beginnt mit einer Anekdote von Friedrich Nietzsche. Diese handelt von einem Mädchen, das seine Mutter fragt: «Sieht Gott wirklich alles»? Als die Mutter bejaht, meint das Mädchen: «Aber das finde ich unanständig». Damit will er verdeutlichen, dass man mit Gottesbildern schnell einmal in Anstössigkeiten und Widersprüche gerät. Etwa auch mit der Rede vom gekreuzigten Gottessohn. Wörtlich verstanden heisse glauben, an «etwas» glauben. In reformatorischer Tradition sei solcher Glaube an etwas, also an Gott, aber vor allem als Lebenshaltung des Vertrauens gedacht. Der Theologe Friedrich Schleiermacher habe dies im 19. Jahrhundert als «Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit» treffend umschrieben. Gott sei als der Grund und Ursprung solchen Vertrauens zu verstehen. Auf dieser Basis dürften die Gottesbilder variieren.

Ella de Groot ist in einem strenggläubigen Milieu aufgewachsen, hat sich aber schon früh in ihrer Jugend kritische Fragen zum Glauben gestellt. Etwa als sie bezweifelte, dass die in der Kinderbibel geschilderte Geschichte stimmen könne, wonach Jesus über das Wasser lief. Ebenso schon früh beschäftigte sie die Frage, wieso Gott all das Elend in der Welt zulässt – ein Problem, das die akademische Theologie Theodizee nennt. Ihren kritischen Standpunkt gefestigt hat sie durch Erfahrungen in ihrer pfarramtlichen Tätigkeit.

Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Sterbebegleitung. Zudem war sie Einsatzleiterin beim Care Team. «Wenn du an eine Strassenkreuzung gerufen wirst, wo ein Kind überfahren wurde, hilft kein Gott. Es bleibt uns nichts anderes, als uns dem Leben anzuvertrauen, das verstehe ich unter Glauben. Das Leben hat allerdings schöne und elende Seiten und auch aus dem Elend dürfen wir uns nicht zurückziehen. Für die schönen Seiten kann ich Dankbarkeit ausdrücken, ohne von Gott zu reden.»

Gott als Du anreden?

Ella de Groot wurde schon als «atheistische» Pfarrerin betitelt. Sie selbst würde sich aber nicht so bezeichnen. «Man kann nicht gegen etwas sein, das nicht existiert», erklärt sie. «Gott ist für mich ein Begriff für eine Haltung. Der Begriff «post-theistisch» passt dafür besser». In ihrer Tätigkeit als Pfarrerin habe sie mit dieser Einstellung keine Probleme. In den Seelsorgegesprächen gehe es zu 99 Prozent um das Leben. In ihren Gottesdiensten rede sie nicht von Gott oder Jesus als einem Gegenüber. Das «Unser Vater» verwende sie in der Regel nicht, auf Wunsch bete sie es aber z.B. bei Abdankungen. Dann ist es für sie ein Zitat aus einem biblischen Text. Normalerweise bete sie beispielsweise: «Wir horchen, was unser Herz uns sagt». Auch im Segen ruft sie Gott nicht an, sondern spricht beispielsweise den Satz: «Alles was gut ist, alles was die Liebe stärkt, komme in die Welt». Das entspreche durchaus einem Bedürfnis. Gerade bei Abdankungen und Trauungen würden die Beteiligten oft wünschen, dass nicht von Gott gesprochen werde.

Georg Pfleiderer pflichtet ihr insofern bei, dass unsere Du-Anrede Gottes tatsächlich etwas Zudringliches habe. Sie werde der Erhabenheit Gottes nicht ganz gerecht, die kumpelhafte Anrede von Jesus in manchen christlichen Gebeten sei fast eine Grenzüberschreitung. Im Judentum gälte eine Anrede von Gott als «lieber Vater» als Sakrileg, im Protestantismus habe sie aber Tradition, weil Jesus selbst sie eingeführt hat.

Auf die Frage nach Jesus antwortet Ella de Groot: «Jesus ist für mich ein lebendiges Vorbild. Er ist ein Mensch, der – wahrscheinlich – eine zeitlang auf der Erde lebte».

Moderiert wird das Podiumsgespräch von Andreas Möri, Studienleiter beim Forum für Zeitfragen und Gemeindepfarrer am Zwinglihaus. Auch er lässt zwischendurch seine persönliche Haltung einfliessen. Wenn wir von einem personalen Gott reden, sei dies eine von vielen möglichen Glaubensvorstellungen, die einander ergänzen können. Auch in unserer Persönlichkeit hätten wir ja ganz verschiedene Seiten.

Trost ohne Auferstehungsglaube?

Wie zu erwarten, erfolgen bei diesem brisanten Thema zahlreiche Fragen und Wortmeldungen aus dem Publikum. Eine Anwesende will von Ella de Groot beispielsweise wissen, wie sie Angehörige von Verstorbenen tröste, wenn sie nicht an eine reale Auferstehung nach dem Tod glaube. Sie antwortet: «Ich kann niemanden mit einem Leben nach dem Tod trösten, der Tod ist die grosse Unbekannte. Der Auferstehungsglaube hilft den einen, denen will ich das nicht wegnehmen, anderen hilft er aber nicht». Ein anderer Teilnehmer fragt nach dem Unterscheid von Spiritualität und Glaube. Georg Pfleiderer antwortet, Spiritualität verstehe er im Vergleich zum Glauben als etwas eher weniger Intellektuelles, das mehr die Gefühlsebene anspreche. Zum Schluss fragt Gesprächsleiter Andreas Möri Ella de Groot, wozu es noch eine Kirche brauche. «Zur Pflege der Gemeinschaft», antwortet sie, «das ist etwas ganz Wichtiges. Sowie um sich durch biblische Erzählungen inspirieren zu lassen und seine Haltung zu stärken.»

Die Initiative zu dieser Veranstaltung hat Hansruedi Hartmann ergriffen, Vorstandsmitglied des Vereins Forum für Zeitfragen und ehemaliger Kirchenrat. In seiner Einleitung schildert er, wie er sich als Naturwissenschaftler schon lange frage, ob die Lebenseinstellung des Christen mit dem Glauben an einen personalen Gott verbunden sein müsse? Hätte die Kirche nicht auch ohne den Glauben an Übersinnliches ihren Wert und ihre Funktion als moralische Grösse sowie Trägerin von Tradition, Kultur und nicht zuletzt Diakonie. Er achte glaubende Mitmenschen zwar hoch. Schon in seiner Zeit als Kirchenrat sei ihm aber der Verdacht gekommen, dass der Schwund der Kirchenmitglieder teilweise auf den Verlust eines solchen Glaubens zurückzuführen ist.

Für sein Empfinden, so Hartmann, sei die Entwicklung des christlichen Glaubens bei vielen Menschen stehen geblieben. Sie sähen die Bibel noch immer als das Wort Gottes an, als könnte sie nicht aus der Weisheit der damaligen Menschen entstanden sein. Damit gehe das Aufklärerische des Evangeliums, insbesondere der Reformation, verloren. Er kann das Wort Gott auch als Metapher verstehen.
Podium Glaube ohne Gott
12.11.2021
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