Furcht in Zeiten der Krise

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Aktueller konnte das Thema des Abends kaum sein. Als er geplant wurde, stand vor allem COVID im Vordergrund – ein Problem, das nach wie vor nicht ganz vom Tisch ist. Inzwischen ist der schreckliche Krieg in der Ukraine hinzugekommen, der unvorstellbares Leid verursacht und alte Ängste wieder akut werden lässt.
Ruedi Spöndlin
«Die Eule der Philosophie beginnt am Abend zu fliegen», erklärt Maarten J.F.M. Hoenen zu Beginn seines Referats, zu dem ihn das Forum für Zeitfragen im Rahmen der Themenreihe «vom Mut, genau hinzusehen» eingeladen hat. Um reflektieren zu können, was passiert, müssten wir aus dem Strom unserer Tagesbeschäftigung hinaustreten und Ruhe finden. Dann entstehe Ehrfurcht für die Tatsache, dass wir die Möglichkeit haben, die Dinge nach unserem eigenen Selbstverständnis anzurichten. «Aus dieser Möglichkeit», so Hoenen, «entsteht ein Selbst». Das Selbst sei das Zentrum des Verstehens. «Du musst dich mit dem versöhnen, was du verstehen willst. Es muss Teil von dir selbst werden. Du musst die Aussenwelt, so wie sie ist, in dich hineinziehen».

Nun zur Furcht: Hoenen unterscheidet zwei Typen von Furcht. Einerseits eine, die uns ganz packt, etwa wenn unser Haus brennt oder wenn eine Pandemie ausbricht. Dann geht es um die nackte Existenz. In dieser Situation sind wir von Panik ergriffen, Stillstand herrscht, die Krise ergreift von uns Besitz.

Wer bist du?

Der andere Typ von Furcht, so Hoenen, setze zur Reflexion an und helfe, aus einer Krise herauszukommen. Hoenen würde sie eher mit dem Begriff Ehrfurcht umschreiben. Man kommt zur Ruhe und bringt Sinnhaftigkeit in sein Leben. Man fragt sich, warum man etwas getan hat oder warum man so reagiert. Die Sinnhaftigkeit ergibt sich aus dem Feld der Möglichkeiten, aus welchen man sich entscheidet. Die nackte Existenz bekommt dadurch eine Bedeutung und man gelangt zur ganz wesentlichen Frage: «Wer bist du»?

Maarten J.F.M. Hoenen ist Professor für Philosophie an der Universität Basel. In seinem Referat mit anschliessendem philosophischem Publikumsgespräch am 24. März im Zwinglihaus spielen die Gedanken des Philosophen Hans Jonas eine zentrale Rolle, die dieser vorwiegend in den 1970er-Jahren in Sorge um unsere Umwelt formuliert hat. Jonas gibt zu verstehen: Der Mensch ist das Ebenbild Gottes, nicht nur theologisch verstanden, sondern als Zentrum der Sinnhaftigkeit. Die blosse Existenz sei natürlich Voraussetzung, um handeln zu können. Diese Voraussetzung müssten wir für künftige Generationen bewahren, damit sie nicht derart mit dem Erhalt der blossen Existenz beschäftigt sind, dass sie nicht über die Entfaltung ihrer Möglichkeiten nachdenken kann. Bildlich gesprochen, damit sie nicht hektisch Wasser aus dem Haus schöpfen müssten und gar nicht mehr überlegen könnten, wie man das Haus einrichten will.

Kein Kompromiss im Kampf ohne Ziel

Auch auf die Philosophin Simone Weil kommt Hoenen zu sprechen, die als freiwillige Brigadistin die Brutalität des spanischen Bürgerkriegs erlebt hat. Der Krieg sei der Inbegriff des Unkontrollierbaren, der Krise schlechthin. Es stelle sich die Frage, töten oder getötet werden, die keine Alternative zulässt und keinen Ausweg aus der Krise aufzeigt. Hoenen liest aus einem Aufsatz von Weil aus dem Jahr 1937 vor. Darin erklärt sie, die schlimmsten Konflikte seien diejenigen, bei welchen niemand weiss, worum es geht. Sobald man dieses Paradoxon erkannt hat, könne man hingegen den Wert des Einsatzes abwägen. Dann sei es einfacher einen Kompromiss zu finden. Hat ein Kampf kein Ziel, gebe es hingegen kein Abwägen, ein Kompromiss sei nicht möglich. Weil illustriert das am Beispiel des antiken Epos der Ilias, wo es keine Sieger gibt, wo alle Helden zu Tode kommen, weil es nur noch darum geht, die Getöteten zu rächen. Angesichts der Ereignisse in der Ukraine erscheinen diese Überlegungen beklemmend aktuell.

Im anschliessenden Publikumsgespräch beantwortet Hoenen die praktische Frage, wie man sich vor der Furcht vor dem Krieg befreien könne? Er empfiehlt, sich beispielsweise die Nachrichten nur einmal pro Tag anzusehen. So gewinne man eine Perspektive ausserhalb des Kriegs. Das bedeute nicht, den Kopf in den Sand zu stecken. Irgendwann müssten wir aber wieder an einer anderen Welt bauen. Auch dazu verweist Hoenen auf Simone Weil. Während der drôle de guerre im Jahre 1939, als der Krieg bereits erklärt, aber noch nicht ausgebrochen war, habe man diskutiert, ob Frankreich Deutschland angreifen solle. Simone Weil habe sich dagegen ausgesprochen und vorgeschlagen, die französischen Intellektuellen sollten Sinn suchen, damit man darauf nach dem Krieg aufbauen könne.

Die Veranstaltung moderiert hat Andreas Möri, Gemeindepfarrer am Zwinglihaus und Studienleiter beim Forum für Zeitfragen. Er beschliesst den Abend mit den Worten: «Das Selbst ist mehr als das nackte Leben, das haben wir heute gelernt».