Andreas Möri

Bericht: Vom guten Umgang mit Geld

Woche der Religionen: Vom guten Umgang mit Geld (Foto: ZVG von INFOREL)

Die Veranstaltung «Vom guten Umgang mit Geld» im Rahmen der Woche der Religionen vom 12. November 2025 im Zwinglihaus brachte eine feministische und eine islamische Perspektive miteinander ins Gespräch.
Glaube und Geld, das geht nicht so einfach zusammen. Verschiedene Religionen kannten oder kennen ein mehr oder weniger umfassendes Zinsverbot. Im Islam ist dieses nach wie vor aktuell. Das stellt für praktizierende Muslime in westlichen Gesellschaften ein Problem dar. Etwa bei der Ergänzung der Altersvorsorge, die in der Schweiz häufig auf der sogenannten Dritten Säule beruht. Dort investiert man Kapital gewinnbringend, was meistens auf Zinseinnahmen beruht.

Über den Umgang mit dem islamischen Zinsverbot referierte am 12. November Michael Gassner, der zu den Wegbereitern des Islamic Banking im deutschsprachigen Raum gehört. Mit den Geboten des Islam konform wären laut ihm zum Beispiel Aktienfonds, die einen Wertzuwachs über Börsengewinne statt über Zins versprechen. Solche gibt es auch im Rahmen der Dritten Säule. Gassner hält sie aber nicht unbedingt als geeignet für die Altersvorsorge, da sich das investierte Kapital bei einer Börsenflaute auch einmal verringern kann. Aktienanlagen seien eigentlich nur bei einem langfristigen Anlagehorizont von über zehn Jahren sinnvoll, wenn man den Zeitpunkt des Bezugs länger vorausplanen kann. Wie zahlreiche Fragen aus dem Publikum zeigten, brennt das Thema vielen Muslimen tatsächlich unter den Nägeln. Eine Patentlösung gibt es aber kaum. Die Befolgung der islamischen Gebote bleibt in unserem Wirtschaftssystem schwierig, wenn man für das Alter oder andere Anlageziele sparen will.

Michael Gassner erläuterte auch die Hintergründe des Zinsverbots. Kapital dürfe im Islam durchaus Ertrag erzielen, unzulässig sei jedoch ein übermässiger Geldzins auf Schulden. Gerade der Zinseszins im westlichen Wirtschaftsmodell sei das Problem. Er erzeuge ein vom realen Wirtschaftswachstum entkoppeltes, exponentielles Schuldenwachstum, ähnlich wie eine Krebserkrankung im menschlichen Körper. Dadurch entstehe eine massive Umverteilung von unten nach oben, von den Schuldnern zu den Vermögenden. Bei mehreren Fragen aus dem Publikum ging es um eine mögliche Abkehr von diesem System. Dabei zeigte sich allerdings, dass das nicht sehr realistisch ist. Unser ganzes Wirtschaftssystem, so Gassner, beruhe auf dem exponentiellen Kapitalwachstum. Selbst einflussreiche muslimische Staaten wir Saudiarabien hätten das internationale Banking nicht der Schariagerichtsbarkeit und somit dem Zinsverbot unterstellt.

Dr. Christine Rudolf eröffnete eine feministische Perspektive auf das Finanzwesen. Zunächst erklärte sie, wie Geld überhaupt entsteht, indem sie anhand einer Grafik den komplizierten Kreislauf zwischen Regierung, Zentralbank, Geschäftsbanken, Unternehmen und privaten Haushalten aufzeigte. Und dann zeigte sie auf, dass 60 Prozent aller Leistungen in der Schweiz unbezahlt erbracht werden. Es handelt sich dabei vor allem um sogenannte Carearbeit von Frauen in den Bereichen Betreuung, Pflege und Hauswirtschaft. Geld ist somit sehr ungleich auf die Geschlechter verteilt. Das Netzwerk Economiefeministe, dem sie als Geschäftsleiterin angehört, fordert einen gerechten Ausgleich dieses Ungleichgewichts. Zur Diskussion steht dabei nicht etwa die naheliegende Forderung nach einem sogenannten „Hausfrauenlohn“. Econmiefeministe diskutiert über differenziertere Modelle und fordert, die Gleichstellung der Geschlechter müsse in zwei Währungen aufgehen, in Zeit und Geld.

Ruedi Spöndlin

Zur Veranstaltung eingeladen haben das Forum für Zeitfragen, die Basler Muslim Kommission, die Christlich-Jüdischen Projekte sowie die Fachstelle Bildung und Diversität der ERK Baselland. Das Konzept erarbeitet hat die Studienleitung des Forums für Zeitfragen zusammen mit der Islamwissenschaftlerin Amira Hafner-Al Jabaji, die die Veranstaltung auch moderierte. Sie ist Mitbegründerin des interreligiösen Think-Tanks, einem Zusammenschluss von Expertinnen, der gesellschaftliche und religionspolitische Fragen aus Frauen- und Genderperspektive reflektiert.

Dr. Christine Rudolf, Expertin und Beraterin für gendergerechte Finanzen (Gender Budgeting), ist Geschäftsleiterin bei Economiefeministe, einem Denkraum für feministische Makroökonomie (www.economiefeministe.ch). Sie unterrichtete lange an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin und war bis 2011 war sie Abgeordnete im Landtag von Baden-Württemberg.

Michael Gassner gehört zu den Wegbereitern des Islamic Banking im deutschsprachigen Raum. Er veröffentlichte 2022 sein Handbuch «Islam, Finanzen und Wohlstand», ein Finanzbuch aus islamischer Sicht. Er lebt und arbeitet in Genf, ist hauptberuflich als Head of Islamic finance einer Schweizer Privatbank tätig und zugleich Mitglied des Scharia Board der Bosna Bank International in Sarajevo.
Bereitgestellt: 26.11.2025     Besuche: 67 Monat 
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