Jahreslosung - Auslegung des Kirchenratspräsidenten
Jahreslosung für die Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons Basel-Stadt: Psalm 86,11
Weise mir, JHWH (HERR), deinen Weg,
dass ich wandle in deiner Wahrheit; erhalte mein Herz bei dem einen,
dass ich deinen Namen fürchte.
dass ich wandle in deiner Wahrheit; erhalte mein Herz bei dem einen,
dass ich deinen Namen fürchte.
Der Erste Teil
Weise mir...: Das hebräische Wort, das hier mit „weise mir“ übersetzt wird, hat vier sehr widersprüchlich scheinende Bedeutungen: „werfen“, „schiessen“, „unterweisen“ und „gelähmt sein“. Im Passiv (nif’al) wird es für „erschossen werden“ verwendet. Im vorliegenden Fall ist es im Hif’il verwendet. Das ist eine hebräische Verbstammmodifikation, die eine Veranlassung herausstreicht: „Veranlasse, dass ich geworfen werde...“. Gott soll aktiv sein - ich will passiv sein. Das widerspricht dem Ideal vom autonomen Menschen, der frei entscheidet, was er tut und wohin er geht. Es ist aber nur scheinbar unmodern. Existenzphilosophen des 20. Jahrhunderts haben von der Geworfenheit des Menschen gesprochen. Sie bezeichneten damit den Umstand, dass das Entscheidende unseres Lebens nicht aus uns selbst heraus geschieht, sondern von anderen her uns wiederfährt. Wir zeuge nicht uns selbst und bringen uns nicht selbst zur Welt. So werden wir in eine ganz bestimmte Umgebung (Familie, Religion, Freundschaften, Vereinswesen, Gemeinwesen, Staat, Wirtschaftslage usw.) geworfen. Wir werden in diese Welt geworfen. Hier bittet der Beter: Wirf mich auf deinen Weg.
... deinen Weg...: Das hebräische Wort für „Weg“, derek, ist ein gemeinsemitisches Lehnwort. Es klingt in allen Sprachen des semitischen Raums ähnlich. Akkadisch heisst „Weg“ daraggu. Es bezeichnet die Weg-Spur, und als Verb heisst drg „einer Spur folgen“ bzw. „nachfolgen“. Wenn ich darum bitte, auf Gottes Weg geworfen zu werden, bitte ich eigentlich darum, Gottes Spur folgen zu dürfen, Gott nachzufolgen. In Ugarit bezeichnet die Wortwurzel drk den Weg, den die Herrschenden gehen und es bedeutet dementsprechend (Königs-) Macht. Also: „Wirf mich in deine Nachfolge, lasse mich deinen Machtwegen folgen im Unterschied zu den Machtwegen der weltlichen Herrscher“.
... dass ich wandle...: Das hebräische Wort für „gehen“, hlk, ist in diesem Vers ins Pi’el gesetzt. Das ist eine Verbstammmodifikation, die das Resultat einer Handlung in den Fokus nimmt und dann ein Fakt herausstellt. Das wird hier deutsch mit „... dass ich wandle“ angedeutet. Die resultativ-faktitive Bedeutung des Wortes „dass ich wandle“ wird im Folgenden dann herausgehoben: „... dass ich wandle in deiner Wahrheit“.
... in deiner Wahrheit...: Das hebräische Wort emet bedeutet Beständigkeit, Zuverlässigkeit und Sicherheit. Moralisch gefasst ist es Treue. Die Septuaginta verwendet dafür das griechische Wort aletheia, was in der Vulgata dann mit veritas übersetzt wird, wovon unser Wort Wahrheit stammt. Das Resultat der Geworfenheit auf den Weg der Nachfolge Gottes ist aber nicht Wahrheit in unserem Sinne, sondern es ist Wahrheit im hebräischen Sinne, nämlich Beständigkeit, Zuverlässigkeit und Sicherheit - und zwar Gottes Beständigkeit, Zuverlässigkeit und Sicherheit.
... deinen Weg...: Das hebräische Wort für „Weg“, derek, ist ein gemeinsemitisches Lehnwort. Es klingt in allen Sprachen des semitischen Raums ähnlich. Akkadisch heisst „Weg“ daraggu. Es bezeichnet die Weg-Spur, und als Verb heisst drg „einer Spur folgen“ bzw. „nachfolgen“. Wenn ich darum bitte, auf Gottes Weg geworfen zu werden, bitte ich eigentlich darum, Gottes Spur folgen zu dürfen, Gott nachzufolgen. In Ugarit bezeichnet die Wortwurzel drk den Weg, den die Herrschenden gehen und es bedeutet dementsprechend (Königs-) Macht. Also: „Wirf mich in deine Nachfolge, lasse mich deinen Machtwegen folgen im Unterschied zu den Machtwegen der weltlichen Herrscher“.
... dass ich wandle...: Das hebräische Wort für „gehen“, hlk, ist in diesem Vers ins Pi’el gesetzt. Das ist eine Verbstammmodifikation, die das Resultat einer Handlung in den Fokus nimmt und dann ein Fakt herausstellt. Das wird hier deutsch mit „... dass ich wandle“ angedeutet. Die resultativ-faktitive Bedeutung des Wortes „dass ich wandle“ wird im Folgenden dann herausgehoben: „... dass ich wandle in deiner Wahrheit“.
... in deiner Wahrheit...: Das hebräische Wort emet bedeutet Beständigkeit, Zuverlässigkeit und Sicherheit. Moralisch gefasst ist es Treue. Die Septuaginta verwendet dafür das griechische Wort aletheia, was in der Vulgata dann mit veritas übersetzt wird, wovon unser Wort Wahrheit stammt. Das Resultat der Geworfenheit auf den Weg der Nachfolge Gottes ist aber nicht Wahrheit in unserem Sinne, sondern es ist Wahrheit im hebräischen Sinne, nämlich Beständigkeit, Zuverlässigkeit und Sicherheit - und zwar Gottes Beständigkeit, Zuverlässigkeit und Sicherheit.
Der zweite Teil
Im ersten Teil der Losung wird also darum gebeten, dass Gott „mich“ in seine Nachfolge werfe. Die Nachfolge Gottes bedeutet, sich nicht zu gebärden, wie es die Mächtigen der Welt tun, sondern in anderer Weise, und zwar eine Weise, die zu Gottes Beständigkeit und Zuverlässigkeit führt, nicht zu einer menschlichen Beständigkeit und Zuverlässigkeit. Diese Aussage wird nun im zweiten Teil des Verses spiegelnd gedeutet:
erhalte mein Herz bei dem einen,
dass ich deinen Namen fürchte.
Erhalte [...] bei dem einen...: Das zugrundeliegende Wort, yhd, bedeutet „einigen“. Im Pi’el, wie es hier gesetzt ist (mit resultativ-faktitiver Bedeutung also), bedeutet es vereinigen, im Sinn von „Einheit herstellen“. Und zwar soll die Einheit hergestellt werden vom eigenen Herzen. ... mein Herz...: lbb bedeutet „Herz“ und allgemein „Inneres“. Das Herz und die Eingeweide des Menschen sind im Hebräischen das Aktionszentrum des Menschen. Darin unterscheidet sich die semitische Welt von der Welt des griechischen und lateinischen Westens, in der das Aktionszentrum des Menschen im Kopf des Menschen liegt, im Gehirn. Der Apostel Paulus spricht ganz allgemein von den splaggchna als dem Ort, aus dem heraus wir handeln. Es sind das die Eingeweide, es ist das unser Bauch. In unserem Kulturkreis gilt es eher als problematisch, wenn man „aus dem Bauch“ heraus handelt. Im semitischen Sprachraum kann man gar nicht anders, als aus dem Bauch heraus handeln. Und man weiss, dass der Bauch uns verschiedene Anweisungen gibt. Einerseits will er gerne selbst gefüllt werden, andererseits spüren wir es im Bauch, wenn wir uns verlieben. Wir spüren es nicht selten auch im Bauch, wenn Gott anwesend ist - wie es den Jüngern widerfuhr, als sie auf dem Weg nach Emmaus mit dem Auferstandenen unterwegs waren, ohne dass sie ihn erkannt haben. Sie stellten im Nachhinein erst fest: „Brannte nicht unser Herz, als er mit uns redete?“ Mit der Bitte, Gott möge „mein Innerstes“ zu Einem bilden, bitten wir, dass Gott die widerstrebenden Bedürfnisse, Empfindungen (von Liebe bis Hass und Groll), und all das, was daraus folgt, zu Einem mache. „Eine mein Inneres...“ müsste also passender übersetzt werden, denn wir wissen, dass vieles in uns unausgeglichen, unausgegoren und widersprüchlich ist.
Diese Bitte steht nun parallel zur Bitte aus dem ersten Vers-Teil, Gott möge „mich“ in seine Nachfolge werfen. Die Geworfenheit, die eine Nachfolge zur Folge haben soll, wird ethisch daran geknüpft, dass „mein“ Inneres geeint wird. Neutestamentlich verwenden wir dafür das Wort „versöhnt“. Eine Versöhnung all dessen, was in „mir“ unversöhnt ist, ist eine Folge dessen, von Gott in seine Nachfolge geworfen zu werden.
erhalte mein Herz bei dem einen,
dass ich deinen Namen fürchte.
Erhalte [...] bei dem einen...: Das zugrundeliegende Wort, yhd, bedeutet „einigen“. Im Pi’el, wie es hier gesetzt ist (mit resultativ-faktitiver Bedeutung also), bedeutet es vereinigen, im Sinn von „Einheit herstellen“. Und zwar soll die Einheit hergestellt werden vom eigenen Herzen. ... mein Herz...: lbb bedeutet „Herz“ und allgemein „Inneres“. Das Herz und die Eingeweide des Menschen sind im Hebräischen das Aktionszentrum des Menschen. Darin unterscheidet sich die semitische Welt von der Welt des griechischen und lateinischen Westens, in der das Aktionszentrum des Menschen im Kopf des Menschen liegt, im Gehirn. Der Apostel Paulus spricht ganz allgemein von den splaggchna als dem Ort, aus dem heraus wir handeln. Es sind das die Eingeweide, es ist das unser Bauch. In unserem Kulturkreis gilt es eher als problematisch, wenn man „aus dem Bauch“ heraus handelt. Im semitischen Sprachraum kann man gar nicht anders, als aus dem Bauch heraus handeln. Und man weiss, dass der Bauch uns verschiedene Anweisungen gibt. Einerseits will er gerne selbst gefüllt werden, andererseits spüren wir es im Bauch, wenn wir uns verlieben. Wir spüren es nicht selten auch im Bauch, wenn Gott anwesend ist - wie es den Jüngern widerfuhr, als sie auf dem Weg nach Emmaus mit dem Auferstandenen unterwegs waren, ohne dass sie ihn erkannt haben. Sie stellten im Nachhinein erst fest: „Brannte nicht unser Herz, als er mit uns redete?“ Mit der Bitte, Gott möge „mein Innerstes“ zu Einem bilden, bitten wir, dass Gott die widerstrebenden Bedürfnisse, Empfindungen (von Liebe bis Hass und Groll), und all das, was daraus folgt, zu Einem mache. „Eine mein Inneres...“ müsste also passender übersetzt werden, denn wir wissen, dass vieles in uns unausgeglichen, unausgegoren und widersprüchlich ist.
Diese Bitte steht nun parallel zur Bitte aus dem ersten Vers-Teil, Gott möge „mich“ in seine Nachfolge werfen. Die Geworfenheit, die eine Nachfolge zur Folge haben soll, wird ethisch daran geknüpft, dass „mein“ Inneres geeint wird. Neutestamentlich verwenden wir dafür das Wort „versöhnt“. Eine Versöhnung all dessen, was in „mir“ unversöhnt ist, ist eine Folge dessen, von Gott in seine Nachfolge geworfen zu werden.
... dass ich fürchte...: Das Wort fürchten mit dem Stamm, wie es hier verwendet wird (yr‘), bezeichnet im Alten Testament Gottesfurcht. Das unterscheidet sich von dem, was wir „Angst“ nennen. Denn mit Angst verbindet sich ein Zustand existenzieller Unsicherheit und Ungewissheit. Angst ist immer etwas, was mit dem eigenen Tod zusammenhängt: Angst entsteht dann, wenn ich nicht gewiss bin, sogar das noch zu überleben, was man den Tod nennt. Dieser Angst steht positiv die Furcht gegenüber. Gottesfurcht ist jener innere Zustand, den ich dann erreiche, wenn ich weiss, dass selbst wenn ich sterben sollte, ich in Gott gehalten und am Leben bleibe. Angst ist das grässliche Gefühl, das dann entsteht, wenn ich mich ganz verloren weiss. Furcht ist hingegen das Sicherheitsgefühl, das ich dann erlebe, wenn mich alle schon verloren gegeben haben und ich dennoch weiss, dass ich nicht verloren sondern sogar gerettet bin. Furcht in diesem alttestamentlichen Sinn ist also das Gefühl des Gerettet-Seins. Furcht ist, würde man modern sagen, das Gefühl des höchsten Glücks.
... deinen Namen: Dieses Gefühl des höchsten Glücks, dieses Gefühl, unendlich viel Zukunft und Zukunftsmöglichkeiten zu haben, hat nun ein Objekt. Dieses Objekt ist der Name Gottes. Das Glück ist also nicht richtungslos, es nicht eine Zukunft der unendlichen Möglichkeiten, die in irgendeine Richtung führen könnte, sondern diese Zukunft hat eine Richtung. Der Psalm bezeichnet diese Richtung mit dem Ausdruck „deinem Namen“. Nun muss man wissen, dass der Name in der antiken Welt gleichbedeutend ist mit dem Wesen dessen, der benannt wird. Name ist nicht Schall und Rauch. Im Gegenteil: Name ist das Wesen selbst. Wenn ich jetzt den Namen „Christus“ nenne, dann ist Christus selbst anwesend, und zwar mit seinem ganzen Wesen. Vor diesem Hintergrund gedeutet ist die Richtung, die das Glück der unendlichen Möglichkeiten hier nimmt, die Richtung auf Gottes Wesen zu. Aber was heisst das?
... deinen Namen: Dieses Gefühl des höchsten Glücks, dieses Gefühl, unendlich viel Zukunft und Zukunftsmöglichkeiten zu haben, hat nun ein Objekt. Dieses Objekt ist der Name Gottes. Das Glück ist also nicht richtungslos, es nicht eine Zukunft der unendlichen Möglichkeiten, die in irgendeine Richtung führen könnte, sondern diese Zukunft hat eine Richtung. Der Psalm bezeichnet diese Richtung mit dem Ausdruck „deinem Namen“. Nun muss man wissen, dass der Name in der antiken Welt gleichbedeutend ist mit dem Wesen dessen, der benannt wird. Name ist nicht Schall und Rauch. Im Gegenteil: Name ist das Wesen selbst. Wenn ich jetzt den Namen „Christus“ nenne, dann ist Christus selbst anwesend, und zwar mit seinem ganzen Wesen. Vor diesem Hintergrund gedeutet ist die Richtung, die das Glück der unendlichen Möglichkeiten hier nimmt, die Richtung auf Gottes Wesen zu. Aber was heisst das?
Zusammenfassung
Lesen wir nochmals den Vers, nun mit dem Wissen, das wir gesammelt haben:
Weise mir, JHWH (HERR), deinen Weg,
dass ich wandle in deiner Wahrheit;
erhalte mein Herz bei dem einen,
dass ich deinen Namen fürchte.
Ich paraphrasiere nun wie folgt:
Gott, wollest Du mich auf deinen Weg werfen, in deine Nachfolge, in die Wege deiner (und nicht meiner) Macht, auf dass ich eingehe in eine Beständigkeit, die es nur in dir, Gott, geben kann. Versöhne all mein Inneres, all das, was widersprüchlich ist in mir, das führe in Eins zusammen, auf dass ich nicht Angst habe, sondern die unendlichen Möglichkeiten erkenne und erlebe, die mir Dein Wesen schenkt.
Dass dieses Gebet uns durch das Jahr 2017 geleite, vor allem resultativ und faktitiv, das wünsche ich uns allen von Herzen.
Weise mir, JHWH (HERR), deinen Weg,
dass ich wandle in deiner Wahrheit;
erhalte mein Herz bei dem einen,
dass ich deinen Namen fürchte.
Ich paraphrasiere nun wie folgt:
Gott, wollest Du mich auf deinen Weg werfen, in deine Nachfolge, in die Wege deiner (und nicht meiner) Macht, auf dass ich eingehe in eine Beständigkeit, die es nur in dir, Gott, geben kann. Versöhne all mein Inneres, all das, was widersprüchlich ist in mir, das führe in Eins zusammen, auf dass ich nicht Angst habe, sondern die unendlichen Möglichkeiten erkenne und erlebe, die mir Dein Wesen schenkt.
Dass dieses Gebet uns durch das Jahr 2017 geleite, vor allem resultativ und faktitiv, das wünsche ich uns allen von Herzen.