Button Mitglied werden

Ansprache zum 125. Geburtstag der zionistischen Bewegung

Bild wird geladen...
Ansprache von Pfr. Prof. Dr. Lukas Kundert, Kirchenratspräsident der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Basel-Stadt, anlässlich des Jubiläums der ICEJ zu 125 Jahre Zionismus im Stadtcasino Basel und Antwort auf kritische Rückmeldungen.
Einleitung zur «Israelkritik»
Die unten veröffentlichte Ansprache zum 125. Geburtstag der zionistischen Bewegung hat einige erzürnt. Das höre ich über Dritte. Vielleicht liegt es an ihrem Titel und daran, dass dieser davon abgehalten hat, die Ansprache durchzulesen. Geben Sie mir bitte die Gelegenheit darzustellen, was ich in meiner Ansprache gesagt habe.

Es geht in meiner Ansprache um den Begriff «Israelkritik». Er ist in vieler Leute Munde, und man verwendet ihn ganz selbstverständlich. Doch er ist ein seltsamer Begriff. Wenn man anderer Meinung ist als die dänische Regierung, wie sie mit Grönland verfährt, äussert man diese selbstverständlich, aber ohne, dass es dafür den Begriff Dänemarkkritik geben müsste. Desgleichen gibt es, obwohl man mit gutem Recht den Bundesrat kritisieren kann, keine Schweizkritik. Es gibt keine Nordkoreakritik, keine Chinakritik, keine Syrienkritik, keine Türkeikritik. Bei Israel ist es anders. Man darf anderer Meinung sein als die israelische Regierung, das steht ausser Frage. Gleichzeitig macht man bei keinem anderen Land die ganze Bevölkerung kollektiv haftbar für das, was seine Regierung tut. Darum ist der Begriff Israelkritik singulär.

Die gegenwärtige Antisemitismusforschung zeigt, wie sich mit diesem Begriff eine Obsession verknüpft. Ein Beispiel: In Karlsruhe hat man stundenlang gestritten, ob man Israel der Apartheid bezichtigen dürfe. Das ist seltsam vor dem Hintergrund, dass die russisch-orthodoxe Kirche zum Krieg gegen die Ukraine aufruft und man dies nicht benennt. Wieso ist aber Israel im Fokus, nicht die Türkei wegen ihrer Nordzypernpolitik, nicht Dänemark wegen seiner Grönlandpolitik, nicht China wegen seiner ganz offenkundig der Apartheit nahestehenden Uiguren-Politik? Da ist etwas nicht normal im Verhältnis der Welt zu Israel. Man misst es mit anderen Standards, als man die umliegenden Länder oder europäische Länder misst. Doppelstandards anzuwenden ist aber rassistisch und gilt als eines von drei Kriterien, israelbezogenen Antisemitismus zu erkennen.

Im Fall von «Israelkritik» zeigt sich der implizite Rassismus auch daran, dass es viele jüdische Menschen in der Welt gibt, die nichts mit Israel zu tun haben wollen. Aber ihre Umgebung sieht das nicht so. Wenn Israel sich gegen Raketen aus Gaza schützt, wird es für jüdische Männer mit Kippa in Basel gefährlich. Was Israel tut, wird allen Jüdinnen und Juden weltweit angelastet. Es gibt Übergriffe gegen jüdische Menschen und Einrichtungen in allen Ländern der Erde. Niemand würde türkischstämmige Menschen in der Schweiz bedrohen, weil Erdogan Minderheiten verfolgt. Niemand würde Chinesen in unserem Land bedrängen, weil China eine Million Uiguren in Konzentrationslagern gefangen hält. Bei Israel ist es anders. Darum ist der «Komplex», der am Wort «Israelkritik» haftet, das wir so selbstverständlich verwenden, eine tödliche Mixtur. Beängstigend ist insbesondere, dass dieser Mixtur mit Bildung nicht begegnet werden kann. Denn sie findet sich vor allem, das haben Forschungen gezeigt, in akademischen Kreisen.

In meinem Votum ging es darum, diese tödliche Mixtur zum Thema zu machen, dazu nicht zu schweigen und die Hoffnung auszudrücken, dass es doch möglich sein sollte, über Israel so zu sprechen, wie man über Dänemark, Österreich oder die Schweiz spricht. In 50 Jahren wird das hoffentlich möglich sein. Jetzt sieht es allerdings noch nicht danach aus.

Deshalb hier meine Ansprache zum 125. Geburtstag der zionistischen Bewegung mit dem Titel: «Israelkritik ist Antisemitismus»

Liebe Schwestern und Brüder, meine Damen und Herren
Europa zeichnet sich dadurch aus, dass es eine Kultur des Auges ist und nicht des Ohres. Als Odysseus den Ufern Kleinasiens entlang segelte, verschloss er seinen Ruderern die Ohren mit Wachs, damit sie nicht hören, was nahöstliche Wesen, halb Mensch, halb Vogel (zu Deutsch: Engel), singend lehren, denn sie würden ihnen erliegen. Selbst aber lauscht den Engeln, nicht aber ohne sich an das Schiff zu ketten.
Was hier als grosse Versuchung dargestellt wird, dass wir auf die Stimmen des Ostens hören könnten, ist die Sorge der Sieger über den Nahen Osten, dass die Europäer klug werden könnten und in sich aufnehmen, was auch Jerusalem ruft. Als Rom später sogar den Messias hingerichtet und die Stadt Jerusalem zerstört hatte, deutete man dies als Sieg über den Judengott. Nur hatte bereits genau dieser Gott in Gestalt des Evangeliums die Stadt Rom erreicht. Dort wurde er in biederen Mietwohnungen verkündet, wie die Apostelgeschichte berichtet. So hatte schon vor der Zerstörung des Tempels Gott den Westen einzunehmen begonnen.
Freilich ist die europäische Aversion gegen Nahost geblieben. Man hat Judentum und Christentum zu romanisieren versucht. Beim Christentum ist es weitgehend gelungen. Seither sind es noch die Juden, die Widerstand leisten. Man denunziert sie darum als extrem. Auf sie will man gewiss nicht hören. Sie drohen heute aus Europa gänzlich zu verschwinden, doch ist nur wenigen in Europa ein Elend.

Ein Anfang: Seelisberger Thesen
Es gibt allerdings auch eine Geschichte des Hinhörens. Vor 74 Jahren hat man in der Kirche begonnen, sich das Wachs aus den Ohren zu klauben. Auf dem Seelisberg in der Innerschweiz hatten sich Männer der Kirchen und Synagogen getroffen und miteinander entschieden, ein neues Kapitel des Hörens aufzuschlagen. In zehn Punkten wurde zusammengefasst, was man neu hören will, zum Beispiel, dass Jesus Jude war. Seither gibt es gerade in den Kirchen hohe Sensibilität für Antijudaismus und Antisemitismus und dafür, wie Sprache und Bilder in schwer durchschaubarer Weise judenfeindliche und antisemitische Inhalte verbreiten. Seismologisch stellen wir fest, wie jüdische Menschen noch heute allenthalben kleingeredet, kleingemacht, an den Rand gedrängt und überhört werden. Doch je mehr die Kirchen an Einfluss verlieren, umso unvermittelter tritt wieder kruder Antisemitismus an die Öffentlichkeit, ein Antisemitismus, den die Kirchen – wohlverstanden – früher selber betrieben hatten, den zu dulden, sie aber abgeschworen haben.

125 Jahre Zionismus
Heute treffen wir uns in Basel und feiern jene Bewegung, die im 19. Jahrhundert entstehen musste, weil gerade die Aufklärung und mit ihr Natur- und Geisteswissenschaften eine neue Form des Judenhasses entwickelt hatten, der die religiösen Vorformen noch überbot. Es geht um einen rassistischen Judenhass, also einen Hass, der seine Begründung im Wesen des jüdischen Menschen selbst wissenschaftlich zu belegen suchte. Die tödlichste aller Vernichtungsfantasien Europas ging von den europäischen Universitäten aus.
Das machte den Zionismus notwendig, der eine Schutzbewegung für jüdische Menschen war und ist, und zwar die einzige wirklich erfolgreiche Schutzbewegung. Doch dass er überhaupt notwendig wurde, ist ein bleibender Skandal europäischer Geschichte. Dass heute auf den Strassen Basels gegen diese Schutzbewegung demonstriert wird, ist ein noch viel grösserer Skandal. Wer würde gegen das Rote Kreuz und seine Aufgabe, Menschen vor der Vernichtung zu retten, zu demonstrieren wagen? Wer kann allen Ernstes die schändliche UNO-Resolution achten, wonach Zionismus Rassismus sein soll, womit das Programm, Juden vor Vernichtung zu schützen als menschenfeindlich denunziert wird?

Der Jude unter den Staaten
Die europäische Geschichte hat eine lange Tradition, jüdische Menschen mit anderen Massstäben zu beurteilen als alle anderen Menschen. Die moderne Antisemitismusforschung hat gezeigt, wie diese unterschiedlichen Massstäbe nun ungebrochen auf den Staat Israel übertragen werden. Der Staat Israel ist der «Jude» unter den Staaten, nicht weil er das selbst sagen würde, sondern weil die Weltöffentlichkeit ihn zum Juden «macht», und zwar zu «ihrem» Juden, jenem Juden, den seit 1000 Jahren zu hassen nicht aufgehört hat.
Dass Israelkritik Antisemitismus ist, zeigt sich schon daran, dass es keine Türkeikritik, keine Ägyptenkritik, weder Irankritik noch Russlandkritik und schon gar nicht eine Schweizkritik gibt. Mit Juden geht man eben anders um, weil sie Juden sind.

Doppelstandards
Israelkritik zeichnet sich durch Doppelstandards aus. Man wirft Israel zum Beispiel vor, dass arabische Israeli nicht dieselben Aufstiegschancen haben wie nichtarabische Israeli; Israel sei u. a. auch darum ein Apartheidstaat. Gleichzeitig sind Menschen mit kosovarischen Familiennamen bei Bewerbungsverfahren in der Schweiz krass benachteiligt. Das wird zwar als problematisch erkannt, aber niemand würde es als Apartheid bezeichnen. Man fordert von Israel mehr als von anderen, mehr als von den Palästinensern, mehr als von Syrien, Ägypten, Jordanien und Libanon. Für Israel gelten strengere Regeln als für den Rest der Welt. Das ist mit Doppelstandard gemeint, wie er sich allenthalben im Blätterwald und auf Informations- und sozialen Plattformen zeigt, aber auch an unseren Universitäten.
Jüdische Menschen sollen besser sein als andere Menschen. Vor allem aber dürften sie das nicht tun, was die ganze Welt selbstverständlich tut, nämlich sich selbst zu verteidigen. Das ist Rassismus. Und der Rassismus richtet sich gegen einen ganzen Staat.

Kirchliche Unbestimmtheit zum Staat Israel
Nun sind auch die Kirchen in ihren Äusserungen über den Staat Israel in beschämend eindeutiger Weise uneindeutig. Man schätzt zwar die garantierte Religions- und Kultusfreiheit in Israel, die sehr viel weitergeht als z. B. in der Schweiz. Mit viel mehr an christlichem Sonderrecht und ohne Minarett- und Burkaverbot ist religiöser Frieden gewahrt. Gleichzeitig weigert sich z. B. die ansonsten in jüdisch-christlichen Angelegenheiten fortschrittliche Evangelische Kirche Deutschlands, ihren Sitz, den sie von alters her in der Jerusalemer Weststadt hat, als in Israel domiziliert anzugeben. Die Römisch-katholische Kirche, in vielem den evangelischen Kirchen voraus, was den Respekt gegenüber dem jüdischen Volk angeht, plädiert für eine Internationalisierung Jerusalems, also für die Enteignung Israels von seiner Hauptstadt.
Ein Kreis von Baslerinnen und Baslern hat darum entschieden, eine Kirche zu gründen, die den Staat Israel ohne Doppelbotschaften respektiert. Es ist die Evangelische Schweizerkirche in Israel. Ihr Ziel: Eine Kirche ohne Antisemitismus und Antiisraelismus.

Identitätsfrage
Längst schon ist Israel zu einem Bestandteil jüdischer Identität geworden, und zwar auf der ganzen Welt. Nicht alle jüdischen Menschen wollen mit Israel in Verbindung gebracht werden. Aber fast alle übrigen Menschen bringen sie selbstverständlich mit Israel in Verbindung. Weltweit werden Synagogen mit antiisraelischer Propaganda beschmiert. Wenn die Weltöffentlichkeit wieder einmal Israel verurteilt, wird es für Menschen mit Kippa in der Schweiz gefährlich. Synagogen sind nicht nur Ziele von Rechts- und Linksextremisten, sondern auch die sich selbst gerne als «kritisch» feiernden Akademikerinnen und Akademiker von nebenan nehmen sie in ihren Fokus. Weil Israel ein Bestandteil jüdischer Identität geworden ist, greifen Antizionismus und Antiisraelismus jüdisches Leben in seinem Zentrum und seiner Identität an.
Es gibt keinen Staat, der jüdische Menschen in der Weise schützt, wie Israel es tut, nämlich ohne Wenn und Aber. Auch darum ist Israel ein Ausdruck jüdischer Identität. Diesen Staat zu demontieren, das ist doch eben auch wieder Ausdruck dafür, dass es einen solchen Schutz für jüdische Menschen nicht geben soll, dass jüdische Menschen nicht wie andere zu schützen sind. Im Grund trägt die Israelkritik als Israelkritik die Vernichtungsfantasien der Vergangenheit gegen Juden auf staatspolitischer Ebene weiter. Dazu sagen wir Nein. Wir sagen Nein als Christinnen und Christen. Wir sagen dazu nein als Menschen.

«Seelisberg Plus»
In Fortführung der auf dem Seelisberg begonnenen Arbeit können wir als Kirchen nur eines sagen: Wir wenden uns in aller Entschiedenheit gegen jegliche Form von Vernichtungsfantasien gegen jüdische Menschen im Allgemeinen und gegen den Staat Israel im Besonderen.

Die Basler Sektion der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft hat darum bei der International Conference of Christians and Jews beantragt, die 10 Seelisberger Thesen mit weiteren Thesen zu ergänzen, die es benennen, dass jüdische Identität heute nicht mehr ohne Israel zu denken ist. Wir fordern, drei weitere Thesen aufzunehmen:
  • 11. Es ist hervorzuheben, dass Jüdinnen und Juden bereits vor Christinnen und Christen Volk Gottes waren, der Bund mit ihnen ungekündigt ist und sie der christlichen Mission nicht bedürfen.
  • 12. Es ist hervorzuheben, dass das Existenzrecht Israels unbestreitbar ist, dass der Staat Israel ein grundlegender Ausdruck jüdischer Identität ist und darum auch für die christliche Beziehung zum Judentum von grosser Bedeutung ist.
  • 13. Es ist hervorzuheben, dass Antisemitismus weder in Form von Antijudiasmus noch in Form von Anti-Israelismus akzeptabel ist.
Im ersten Anlauf sind wir gescheitert. Unser Anliegen hat man nicht einmal auf die Traktandenliste gebracht. Wir müssen noch eine weitere Meile gehen. Helfen Sie uns, auch hier bei vielen Menschen Wachs aus den Ohren zu klauben.

Basel, den 26. August 2022