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Hüte dich und bleibe still; fürchte dich nicht, und dein Herz sei unverzagt.

Jesaja 7,4

34 Jahre Religionsunterricht - Lars Wolf verabschiedet sich mit diesem Erlebnisbericht

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34 Jahre Religionsunterricht an der öffentlichen Schule in Basel in einem Erfahrungsbericht kurz zusammenzufassen, stellt ein schwieriges Unterfangen dar. Es sind 34 Jahre individueller Geschichtsschreibung mit unzähligen jungen Menschen und vielen Kollegien. Es sind 34 Jahre Veränderung in unseren Gesellschaften und Institutionen, auch im Bildungssystem und in den Kirchen. Es sind 34 Jahre des Wandels und der Ausdifferenzierung von Denkweisen, Lebenskonzepten und der Ausformulierung von Lebensplausibilitäten und deren Verhältnis zueinander. - All dies wirkte sich nachhaltig auf den Religionsunterricht aus.
Ich war als Religionslehrer und Mediator in drei verschiedenen Schulsystemen unterwegs. Zunächst in einem separativen und seit der Einführung der Orientierungsschule (OS) als Quartierschule mit einem System, das Integration, heute Inklusion verspricht.
Waren die Lehrpläne früher sachbezogen, orientieren sie sich heute an Kompetenzen der Schüler*innen, die es zu fördern gilt.
Fand der Religionsunterricht in den frühen 90er-Jahren noch konfessionell statt, mit Beginn der OS konfessionell kooperativ, sassen im Laufe der Jahre immer mehr junge Menschen in meinem Unterricht, deren Religionszugehörigkeit und deren Lebensplausibilitäten divers waren.
Allen gemeinsam aber war das Bedürfnis nach Gemeinschaft, nach gegenseitiger Anerkennung und friedlichem Miteinander, nach Sicherheit.
Allen gemeinsam waren Fragen nach Sinn, nach dem Warum und Wozu angesichts der Entwicklungen, die sie in der Welt wahrnahmen, und allen gemeinsam war das Bedürfnis nach Orientierung in der Flut an Informationen über diese Entwicklungen, welche die jungen Menschen zunehmend damit konfrontierten.
Allen gemeinsam war das Bedürfnis, gehört und wahrgenommen zu werden, und jenes nach Teilhabe und Selbstwirksamkeit.
Daran hat sich nichts geändert in den über drei Jahrzehnten. Nur: die Welt ist komplexer, die Entwicklung darin schneller und die Kommunikation darin vielstimmiger und verwirrender geworden.
Eine meiner wichtigsten Aufgaben im Religionsunterricht war zuzuhören. Es galt, die Schüler*innen als Mensch in ihren Kontexten wahrzunehmen. – Schon früh sprengte dies den Rahmen der Lektionen des Religionsunterrichts und dehnte sich aus auf Begegnungen und Aktivitäten auch ausserhalb des Unterrichts.
Während sich so im Unterricht eine zunehmend diskursive, dialogische Didaktik entwickelte, in der auch informelles Wissen der Kinder und Jugendlichen sowie deren Erfahrungen gewinnbringend in das gemeinsame Lernen einbezogen war, wurden die Lerngruppen zu Weggemeinschaften, die zunehmend um gemeinsame Orientierung und um gemeinsame Werte rangen, und die in zahlreichen – auch klassenübergreifenden – Projekten und ausserschulischen Begegnungen eine handelnde Ethik erarbeiteten. – Wesentliche Wegstücke waren über 25 Jahre unsere jährlichen Studienreisen nach Amsterdam ins Anne Frank Haus während des siebten Schuljahres. -
Die Einführung des Projektes «Betreuung und Mediation» an der OS war eine logische Folge dieser Entwicklung. Und sowohl die Schüler*innen und deren Familien als auch die Schule waren den Kirchen von Beginn dankbar, dass sie uns hierfür die finanziellen Mittel zur Verfügung stellten!
Auch der Beginn einer dialogischen Didaktik interreligiösen Lernens, von Schüler*innen einer OS-Klasse angestossen, hat darin seinen Ursprung.
Die 13-jährige Kooperation mit einer muslimischen Kollegin im Projekt «Christentum und Islam – Christen und Muslime im Dialog» war für die Schule eine wesentliche, das soziale Zusammenleben beruhigende Bereicherung und für mich wegweisend.
Der Hinweis des Tübinger Theologen Karl Ernst Nipkow, interreligiöses Lernen müsse sich in der Kultur der Schule abbilden, fand in der OS Bestätigung in der Ein- und Zusammenführung von Mittagstisch und Lukasclub, lange bevor es in Basel Tagesstrukturen gab. Und in dem damit verbundenen Zusammenwirken von Schule und Eltern, die sich hier in grosser Zahl engagierten und mir zu einem wichtigen Team wurden.
Es war dies eine Erfahrung, die wir schliesslich an der Primarschule mit der Gründung eines Vereins «Elternnetz Margarethen» fruchtbar machen konnten, der den diskursiven Raum auf die Eltern ausdehnte und deren Teilhabe fördert.
Hier an der Primarschule kristallisierte sich das Bild der Brücke als für uns leitend heraus. Es steht für die Möglichkeit der Konstruktion eines «Nichtortes», einer Utopie. Friedliche und förderliche Gemeinschaft bedarf der Bereitschaft, Differenzen zu überbrücken und aufeinander zuzugehen, Frieden zu denken und Frieden zu tun. Die Peacemaker, Streitschlichter*innen im Schulhaus und auf dem Pausenplatz, die auszubilden und zu begleiten ein grosses Privileg war, verwirklichen dies mit grossem persönlichem Engagement und sind mit ihrem mediativen Handeln an der Schule zu tragenden Brückenpfeilern geworden.
Motivation und Ermutigung, an der Utopie des Friedens miteinander und mit unserer Mitwelt weiterzubauen, erfuhren wir stets aus der tiefentheologischen Essenz (Abraham Heschel) biblischer und anderer religiöser Geschichten und Bilder, denen wir im Religionsunterricht begegnet sind und die wir gemeinsam befragten. Sie machten es möglich, angesichts der grossen Themen, denen sich die jungen Menschen gegenübersehen, den Blick und das Vertrauen ins Offene nicht zu verlieren und in das Wort, das, wie Nelly Sachs es sagt, auf Papier entführt ist «vielleicht zurück zu seinem magnetischen Punkt / der Gottdurchlässig ist –«.
Wenn ich die Rückmeldungen von Schüler*innen der letztjährigen sechsten Klassen ernst nehmen will, dann braucht Schule diesen Raum eines multipositionalen Diskurses, in dem nicht bewertet wird, in dem vielmehr die eigene Wahrnehmung und das eigenständige Denken gefördert und die Begegnung und Auseinandersetzung auf Augenhöhe sowie gemeinsames Handeln geübt wird. Dies im Wissen, dass wir alle im Offenen stehen.

Lars Wolf