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Hüte dich und bleibe still; fürchte dich nicht, und dein Herz sei unverzagt.

Jesaja 7,4

Gedenkfeier zum 675. Jahrestag der Vernichtung der jüdischen Gemeinde von Basel am 16. Januar 1349

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Auf einer heute nicht mehr existierenden Insel im Rhein wurden im Januar vor 675 Jahren Hunderte von Juden verbrannt. Möglicherweise wurden gegen zehn Prozent der Basler Einwohnerschaft ermordet, weil sie Juden waren. Auslöser für den Massenmord war eine Verschwörungstheorie rund um die Pest: Der ansteckenden Krankheit erlagen seit 1348 in Europa viele Menschen. Sie rückte von Süden Richtung Basel vor. Weil auch in Basel viele Juden als Geldverleiher tätig waren, bot die Pest vielleicht auch nur vielen Baslern die Gelegenheit, ihre Schulden durch Enteignung und Ermordung der Juden zu tilgen. Zum Jahrestag des Pogroms wurden den Opfern im Grossratssaal des Basler Rathauses gedacht. Durch den Gedenkanlass führte Erik Petry, stellvertretender Leiter des Zentrums für Jüdische Studien der Universität Basel. Hier finden Sie die Rede von Kirchenratspräsident Pfr. Dr. Lukas Kundert.
Herr Regierungsrat, Herr Bischof, liebe jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger, meine Damen und Herren

Es ist ein unermesslicher Schatz, den jüdische Menschen und ihre Gemeinden seit Jahrtausenden durch die Geschichte tragen: Es ist der Zuspruch und der Anspruch von Tora, Propheten und Geschichtsbüchern, des TaNaKh, des «Alten Testaments»; und es ist insbesondere die Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung mit der Weisung Gottes, und dass sie sich lohnt, diese Auseinandersetzung, und Segen bedeutet, insbesondere auch für uns aus den Völkern.

Jüdische Menschen machen Ernst mit der Tora, was viele provoziert. Doch sie halten an dem fest, was auch Jesus lehrte: Dass nämlich die Natur nicht das Gottgegebene ist. Gottgegeben ist es aber, dass wir die Dinge nicht lassen, wie sie sind, sondern dass wir sie ändern: Armut, Krankheit, Hunger, Unterdrückung, Übervorteilung und Bedrängung sind nicht gottgewollt, sondern es ist gottgewollt, dass wir sie bekämpfen.

Vielleicht ist das der Grund dafür, dass es unter den Nobelpreisträger:innen 100 Mal mehr Jüdinnen und Juden gibt, als ihr prozentualer Anteil an der Weltbevölkerung ausmacht: Agronominnen wandeln Sand zu Oasen; Ökonomen bekämpfen Armut; Juristinnen wirken gegen Ungerechtigkeit; Mediziner bekämpfen Krankheiten.

So sehr sich Jüdinnen und Juden im Kampf für das Gute einsetzen, so sehr werden sie von den Mehrheitsgesellschaften immer und immer wieder neu dazu gezwungen, um ihre Anerkennung zu kämpfen. Es ist, als könnte heute noch die Mehrheitsgesellschaft das Volk der Tora nicht ertragen, als könnte sie nicht ertragen, dass es Menschen gibt, die Ernst machen mit der Einsicht, dass es ganz an uns ist, dem Nächsten zu helfen.

Es ist verdienstvoll, dass die Organisatorinnen und Organisatoren des heutigen Anlasses uns einen Raum des Gedenkens an das abscheuliche Judenpogrom von 1349 eröffnet haben. Gleichzeitig wollen wir daran denken, dass jüdisch zu sein in Europa heute noch gefährlich ist. Viele wollen jüdischen Menschen keinen Schutz und keine Ruhe sichern.

Die Fluchtgeschichte der jüdischen Buchhändlerin Françoise Fränkel von Berlin über Frankreich in die Schweiz (während in Deutschland die germanischen Götter im Ideal des evolutionären Rechtes des Stärkeren und der Vernichtung tobten), diese Fluchtgeschichte trägt den alles sagenden Titel
«Nichts, um sein Haupt zu betten». Das ist eine Anspielung an ein Jesus-Wort: der Menschensohn habe keinen Ort, an dem er sein Haupt hinlegen kann.

Heute ist dieses Jesus-Wort uns allen deutlich vor Augen gemalt: Nicht einmal in Israel sollen Juden sicher sein. Und es gibt viele, allzu viele Menschen auch in der Schweiz, die vielleicht gerne das ermordete Judentum erinnern, nicht aber das lebendige Judentum respektieren wollen, ein Judentum, wie es uns heute durch die jungen Frauen und Männer von Migwan zu einem Teil unserer Herzen geworden ist hier in diesem Hause. Noch immer rufen Menschen: Ihr Juden, richtet euch hier nicht ein, legt euer Haupt nicht hin, haut ab!

Dass wir Kirchen seit 1945 dem Antijudaismus und Antisemitismus in unseren Mauern immer mehr und immer gründlicher auf die Schliche kommen und ihn aus unserem Denken, Vokabular und Predigen verbannen, ist eine Dringlichkeit auch für kommende Generationen. Dass der Antisemitismus aber ausserhalb der Kirche in der Gesellschaft ungebremst Urstände feiert und dies zugelassen wird, etwa in der Täter-Opfer-Umkehr im aktuellen Nahost-Konflikt, ist ein Skandal. Wieder stehen jüdische Menschen in der Schweiz unter Druck. Will man ihnen keine Ruhe gönnen, wie wir sie von der Mehrheitsgesellschaft für uns selbstverständlich einfordern?

Wir, und da spreche ich auch im Namen von Bischof Felix, sagen nein dazu. Nein zur Dämonisierung von Jüdinnen und Juden, wie sie wieder geschieht; nein zu deren Ausgrenzung und Bedrohung; nein dazu, dass sie unsere Innenstadt meiden müssen. Wir sagen ja zum toragemässen Leben nach der Halacha; ja zu liberalem Leben, wie wir es uns gewohnt sind; ja zu freiem Denken und Lieben.

Wir wollen mit Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren, die Sie heute hier sind, mit Ihnen allen zusammen wollen wir eine Allianz bilden, die hinter der Israelitischen Gemeinde Basel steht, hinter Migwan, hinter der Israelitischen Religionsgesellschaft, hinter Chabad Lubawitsch Basel und hinter allen Jüdinnen und Juden in unserem Land, gleich ob fromm oder säkular. Wir rufen dazu auf und wollen dazu beitragen, dass wir eine verbindliche Zusammenarbeit für den Schutz von jüdischem Leben in der Schweiz und in Europa miteinander aufbauen.

Basel, 16. Januar 2024 / LK