Button Mitglied werden

Zum Reformationssonntag

Kirchenratspräsident und Münsterpfarrer Dr. theol. Lukas Kundert hat für die heutige Ausgabe der Basler Zeitung einen Beitrag zum Reformationssonntag vom 3. November 2011 verfasst.
...............................................................

Reformation - eine Geschichte von Entzauberung und Wiederverzauberung

Die weit verbreitete Meinung, wonach es sich bei den reformierten, unierten, lutherischen und mennonitischen Kirchen um Abspaltungen von der mittelalterlichen Westkirche handelt, ist so simpel wie falsch. Erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wird dieses Bild gepflegt, und zwar von beiden Konfessionen, aber mit unterschiedlichen Interessen. Die römische Kurie dehnte im Kulturkampf den eigenen Herrschaftsanspruch bis zur Unfehlbarkeitserklärung des Papstes aus und diffamierte alles nicht-römisch-katholische als dekadent und unkirchlich, andererseits gefielen sich die evangelischen Kirchen im selben Kulturkampf darin, sich als die Aufgeklärten in Szene zu setzen, die bereits in der Renaissance vom mittelalterlichen Aberglauben Abstand genommen haben, dabei selbstredend behauptend, Rom habe diese Chance verpasst. Beide sind im Unrecht.


Evangelisch-katholisch, römisch-katholisch und christkatholisch

Mehr als hundert Jahre später werbe ich heute auf beiden Seiten für eine historisch unaufgeregtere Wahrnehmung jeweils der anderen sowie dafür, dass wir uns endlich aus den überflüssigen Herrschaftsdiskursen des 19. Jahrhundert verabschieden. Die Wirklichkeit ist schmerzhaft genug: Die mittelalterliche Westkirche gibt es nicht mehr. Sie hat sich im Laufe des 16. Jahrhunderts in viele Äste geteilt. Keiner ist abgeschlagen worden, weil der einzige, der das tun könnte, Gott selber ist. Entscheidend für diese Ausästelung war das Konzil von Trient (1545 - 1563), in dem die dort versammelten und stimmberechtigten Bischöfe entschieden, ihren Weg ohne die Evangelischen weiter zu gehen. Seither gibt es evangelische und römische Kirchen. Beide sind katholisch. Der reformierte Genius Loci, Karl Barth, sprach von sich selbst richtigerweise nicht als von einem evangelisch-reformierten Theologen, sondern von einem evangelisch-katholischen Theologen. Der Anspruch der reformierten Kirchen in der Schweiz ist, die ungebrochenen Rechtsnachfolger der mittelalterlichen Kirche zu sein, und zwar ohne zugleich der römischen Kirche abzusprechen, dies auch zu sein. Darum haben wir keine Probleme, von der römisch-katholischen und auch von der christkatholischen Kirche zu sprechen. Katholizität kommt allen Kirchen zu.


Die gescheiterte Basler Reform von 1503

Die Reformation in Basel hat ihren Ursprung in einer gescheiterten Reform, die der da-malige Bischof von Basel, Bischof Utenheim, im Jahre 1503 anstrebte. Frisch zum Bischof erkoren, lud er die Priesterschaft seines Bistums ins Basler Münster ein, wo er ihr ein Reformprogramm vortrug, in dem er vor allem die Missstände in der Priesterschaft selbst anprangerte, so deren Ungebildetheit, Trinkfreude, Prasserei sowie die überbordenden Bordellbesuche. Weitsichtig versuchte er lange vor Martin Luther und Huldrych Zwingli seine Priester zu Reformen bewegen. Doch seine Priester verhöhnten ihn, und an der bereits damals besonders spitz gefeierten Basler Fasnacht wurde Utenheims Rede zu einem höhnischen Bänkelsang umgedichtet. Sein unerhörtes Anliegen wurde erst viel später so unerhört, dass es die Stadt auf die Barrikaden brachte.


Die erwachenden Zünfte

Utenheim musste einsehen, dass er die Reform der Kirche nicht über seine Priester bewerkstelligen konnte. So versuchte er es nun über das Bürgertum und über die Universität, an der genau in jenen Jahren von 1502 bis 1506 der spätere Zürcher Reformator Huldrych Zwingli studierte und etwas vom Reformgeist Utenheims in sich aufsog. Utenheim unterstützte die Universität darin, angesehene Wissenschafter nach Basel zu rufen, unter anderen Erasmus von Rotterdam.

Gleichzeitig, aber weitgehend unabhängig davon, erstarkten die Zünfte. Sie drängten, aus den Korsetts der mittelalterlichen Ökonomie auszubrechen. Der Zorn entzündete sich an den grossen Kapitalmengen, die durch den Unterhalt des Kultus gebunden wurden. Man stelle sich vor: Von der 15'000 Menschen zählende Einwohnerschaft von Basel waren um 3000 Menschen Geistliche. Sie mussten von der Bürgerschaft ernährt werden. Dies wurde durch einen Geldtransfer mittels gigantisch anmutender Gottesdienstathletik realisiert. Die Bürger wurden angehalten, gegen Bares für ihre Verstorbenen Messen lesen zu lassen, mit dem Ziel, die Verstorbenen damit aus möglicher Strafe verhelfen. Dazu wurden richtiggehende Fabrikstrassen von Altären eingerichtet, an denen tagein tagaus Totenmessen gelesen werden konnten, und zwar parallel. Noch heute ärgere ich mich als Prediger im Münster über dessen Akustik, die eben darauf ausgerichtet ist, dass viele parallel ihre Messen halten können, ohne einander zu stören, also darauf, dass man sich gerade nicht versteht.

Allein am Münster waren 90 Priester damit beschäftigt, an den vielen Seitenaltären im Münster und in den Kapellen des Kreuzgangs Totenmessen zu lesen. Diese Maschinerie laugte die Bevölkerung aus. Das macht nachvollziehbarer, dass sich in der Revolution von 1529, dem Datum der Reformation, der Mob vor allem über die verhassten Altäre her machte, auch wenn wir heute den unersetzlichen Verlust bedauern. Doch wer sind wir, über unsere Vorfahren hier zu urteilen?

Der Motor der Basler Reformation waren die Zünfte und nicht die Theologie, die damals Meinungsverschiedenheiten und damit eine gewisse Pluralität zuliess. Doch Begünstigung erhielten die Zünfte ausgerechnet durch die Kirche: Bischof Utenheim meinte in seinem Zorn über die Geister, die er rief, Basel bestrafen zu können, dass er es verlässt. In Wirklichkeit machte er damit den Weg zur Verstaatlichung der Kirche frei.


Warten auf den Bischof - bis heute

Mit der Neuordnung des Kirchenwesens wurde auf einen Schlag ein Grossteil der Bevölkerung arbeitslos. Allein am Münster benötigt man seither statt der 90 Priester gerade noch zwei Pfarrer. Desgleichen in der Martins-, Peters, Leonhards-, St-Alban-, Theodors- und Clarakirche. Johannes Oekolampad, der Basler Reformator, wurde vom Rat beauftragt, die Kirchenbänne neu zu ordnen. Es kam - wie heute - zu Gemeindefusionen und Aufhebungen von Gottesdienstorten. Das damit eingesparte Kapital floss zuerst in die Auslösung der Privilegien des Bischofs, die man diesem abkaufte, in die neu organisierte Armenfürsorge und dann in die wirtschaftliche Entwicklung von Stadt und Landschaft. Letzteres geschah in fast allen zünftig organisierten Reformationsstädten. Das führte 200 Jahre später zu dem Umstand, dass sich (nur) die zünftig organisierten evangelischen Orte wirtschaftlich von den römisch-katholischen Gebieten abzuheben begannen.

Das neu gebildete Kirchenwesen wählte nach Utenheims Weggang aus Basel keinen neuen Bischof. Das liegt anders als es die Volksmeinung weiss nicht daran, dass man das Bischofsamt ablehnen würde. Im Gegenteil. Gerade weil man das Amt des Bischofs ehrte, verzichtete man auf die Wahl eines Gegenbischofs, und zwar in der Meinung, dass der Bischof noch zu Einsicht kommen und in seine Kirche zurückkehren wird - wenn vielleicht nicht Utenheim, so doch sein Nachfolger.

Bei einer Begegnung mit Bischof Felix in der reformierten St. Jakobs-Kirche erlaubte ich mir deshalb, ihn als unseren Bischof willkommen zu heissen und ihm zu erklären, dass die reformierte Bevölkerung Basels sehr genau hinhöre, was er verkünde, wohl im genetisch weiter getragenen Wissen, dass er jenes Amt innehat, das wir uns auch für uns wünschen, freilich über eine Synode aus Pfarrerinnen und Nichtpfarrern bottom-up gewählt und nicht durch eine Bischofssynode top-down bestimmt. Wir sind beide natürlich Realpolitiker genug, dass wir wissen, dass eine Wiedervereinigung wohl erst am Jüngsten Tag geschehen wird (und vielleicht auch dann relativ spät), doch wir sind uns gegenseitig so sehr Geschwister, dass wir die historisch gewachsenen Unterschiede nicht einander vorrechnen wollen, sondern mit freien Herzen miteinander beten konnten. Sowieso scheint es für mich als einem Vertreter der reformierten Kirche vor Ort zentral, den Ball des ökumenischen Gesprächs zwischen römisch-, christkatholischen und reformatorischen Kirchen, möglichst tief zu halten und die bisweilen mit Freude hochgeschlagenen Bälle nicht mit solchen zu erwidern. Denn in unseren Kirchen und Initiativen sammeln sich beiderseits zutiefst fromme und engagierte Menschen, die aus dem Evangelium leben und aus dem Gebet.


Geschichte der Entzauberung

Die Schweizer Reformationsgeschichte kann weitgehend als Wirtschaftsgeschichte und als Emanzipationsgeschichte der Zünfte (Zürich und Basel) oder der Patrizier (Bern) geschrieben werden. Sie muss aber auch als Frömmigkeitsgeschichte und vor allem als die Geschichte der Entfaltung einer neuen Erkenntnistheorie erzählt werden, und zwar als die Geschichte der Entzauberung.

Sie beginnt im geistigen Feld des 13. Jahrhunderts. Zaghaft meldete sich im Menschen ein Bewusstsein, das sich nicht mehr nur als „Subjekt“ (Lateinisch: Unterworfene) sehen wollte. Eindrückliche Beispiele dafür sind die gleichzeitig entstandenen Armutsbewegungen von Petrus Valdes aus Lyon und von Franz von Assisi. Die waldensische Bewegung ist aus unerfindlichen Gründen leider häretisch erklärt worden, doch sie überlebte die mittelalterliche Kirche im Untergrund und ist heute als Waldenserkirche ein Glied der Gemeinschaft Evangelischer Kirche in Europa, in Basel feiert sie ihre Gottesdienste als eine „unserer“ Gemeinden in der Niklauskapelle im Kreuzgang des Münsters. Mehr Glück als Valdes hatte Franz, der zwar dieselben Lehren vertrat wie Valdes, der aber die besseren Beziehungen nach Rom unterhielt. Aus seiner Armutsbewegung wurde der international mächtige Franziskanerorden, der als Reformorden auch die Reformation in Basel vorantrieb. Theologischer Kernsatz von Valdes und Franz war der Ausspruch Jesu, dass man Gott mehr gehorchen soll als dem Menschen. Damit nahmen sich diese Armutsbewegungen ein Recht heraus, das den irdischen Obrigkeiten die göttliche Autorität streitig machte. Die „Stimme Gottes“ oder das Gewissen der Einzelnen emanzipierte sich zu einer eigenen Kraft, die sich gegen die irdischen Autoritäten aufzubäumen übte. Das förderte die Vorstellung vom Menschen als Individuum, das kein Subjekt und damit nicht unterworfen werden kann. Freilich vollzog sich das in kleinen Schritten über viele Jahrhunderte hin. In Anlehnung an den deutschen Germanisten Jochen Hörisch beschreibe ich diesen Prozess als die Geschichte der Entzauberung: Die irdischen Mächte zauberten den Einzelnen vor, dass sie Vorgesetzter bedürfen, um in Gottes und des Königs Ordnung gesichert leben zu können. Dazu wurde ein feudalistisches Brimborium entwickelt von höchster kultureller Güte, das aber doch nichts anderes als ein Brimborium war, eine Verzauberung der Menschen, damit sie nicht sich selbst erkennen.

Die Zeit der Renaissance ist die Zeit der Entzauberung. Es ist die Zeit, in der sich nicht nur Einzelne sondern mehr und mehr ganze Schichten nicht mehr nach der zauberhaften alten Ordnung richten will. Es ist die Zeit der Emanzipation aus den Händen der Fürsten, der wir sehr viel zu verdanken haben. Doch dafür bedurfte es der Städte. Sie sind der Ort, in denen sich genügend Menschen zusammenfinden konnten, um die kritische Grösse zu bilden, als Christen die Umstände zu revolutionieren. Die Reformation baslerischer Prägung ist damit das Kind jener Entwicklung innerhalb der Kirche und ihres Geisteslebens, die gegen die Mächte der Welt den Wert des Einzelnen stärken und sein Selbstbewusstsein fördern wollten. Besonders augenscheinlich wird das an einem Detail an der Fassade des Basler Münsters deutlich.


Ein Martin aber kein Bettler

Im Jahr 1590 entschied der Rat der Stadt Basel eine entscheidende Änderung an der Fassade des Basler Münsters. Es sollte ein Standbild umgestaltet werden. Es war das kein Akt des Bildersturms, sondern es war ein politischer Entscheid von weit reichender Bedeutung, der aus einer anthropologischen Neuorientierung der Stadt erfolgen musste: Man wies an, am Standbild des Ritters Martin, der für einen am linken Hinterbein seines Pferdes kauernden Bettler einen Mantel zerteilt, eben diesen Bettler zu entfernen. Der Grund dafür ist von weltgeschichtlicher Bedeutung: Die mittelalterliche Kirche sah nämlich den Bettler als ein reines Objekt. Er ist da, mit der Reiche ihm geben kann und der Reiche somit in den Himmel kommen kann. Im wahrsten Sinne des Wortes wurden die Bettler zu Steigbügelhaltern der Reichen in den Himmel degradiert, zu blossen Objekten oder Waren.

Das widersprach dem Menschenbild der Reformation. Die Menschen dürfen nicht verobjektiviert werden. Und im Übrigen soll man sein Glück teilen, einfach weil es richtig ist, zu teilen, und ohne zu wissen, wer es erhält. So lehrte es Jesus: Die Linke soll nicht wissen, was die Rechte tut. Deshalb fehlt der Bettler am Münster, aber nicht Martin: Du sollst teilen, aber du sollst den Empfänger deiner Gabe nicht zum Objekt demütigen. Entscheidend ist aber die anthropologische Wende, die dieser scheinbar kleinen stilistischen Änderung am Münster zugrundeliegt, dass nämlich Menschen keine Waren sind, sondern Individuen, die nicht unterworfen werden dürfen. Sie sind nicht die Gegenstände des Handelns. Menschen können nicht konsumiert werden.


Noch einmal: Der Abendmahlsstreit

Im Grunde geht es bei dem in dieser Zeitung in den letzten Monaten so hervorragend diskutierten Abendmahlsstreit zwischen Luther und Zwingli um genau diese Wende. Luther stand dem mittelalterlichen Verständnis vom Menschen näher als Zwingli. Das zeigt sich daran, dass ihm zufolge die Gaben des Abendmahls, Brot und Wein, Leib und Blut Christi sind. Der Einzelne „konsumiert“ folglich während der Abendmahlfeier den Herrn. Anders - moderner - sah es Zwingli: Ihm zufolge weisen Brot und Wein lediglich auf Leib und Blut Christi hin. Leib und Blut Christi bleiben unverfügbar und auch nicht konsumierbar. Die Individualität des Lebens Christi als Leib und Blut bleibt gewahrt. Es geht nicht zuletzt um das Menschenbild und um die Begründung von Unterwerfungsstrukturen. Kein Wunder also, dass dieser Streit so heftig geführt wurde. Luther drohten nämlich bei einem Sieg Zwinglis die Felle davonzuschwimmen, war er doch ganz und gar vom Interesse seines Fürsten abhängig, seine Macht gegen die Kirche auszubauen.

Dass es sich beim Abendmahl in der lutherischen oder bei der Eucharistie in der römisch-katholischen Kirche letztlich um Konsum handelt, ist bis heute an der verblüffenden semantischen Nähe der Oblate zu einer Münze sichtbar. Das ist nicht zufällig, denn die Abstraktionsleistung, die die Gläubige beim Konsumieren der Oblate vollzieht, dass sie nämlich der Leib ist, obgleich sie doch so ganz anders ist, vollzieht jeder Mensch auch beim Geldverkehr: Der Fünffränkler ist zugleich eine Stange Bier im Restaurant und ein Messmocken auf der Herbstmesse, obgleich er nichts mit diesen Beiden gemeinsam hat. Es findet im Tausch eine kognitive Verschränkung zwischen Real- und Denkabstraktion statt. Es ist kein Wunder, kann die römisch-katholische Kirche Reformierten die „Münze“ (Oblate) nicht reichen, da diese deren Wertschätzung nicht teilen und somit an etwas ganz anderem teilnehmen, als hier veranstaltet wird. Und auch auf lutherischer Seite gibt es Kirchen, wie etwa die Finnische, die keine Abendmahlsgemeinschaft mit den Reformierten eingehen will. Wohl aus demselben Grund: In der lutherischen und der römisch-katholischen Abendmahlsfeier konsumiert die Gläubige den Leib Christi; und sie gesteht ein, selbst auch ein Gegenstand des Handels zu sein, ein Objekt, das ausgelöst wird, das freigekauft wird.


Die Stärke und die Schwäche des Kalvinismus

Zwingli starb zu früh als dass er ein theologisches System hätte hinterlassen können. Der Kalvinismus (oder „die Reformierten“) nahm Zwinglis Abendmahlslehre auf und verbreitete damit eine Lehre vom Menschen in alle Winkel der Welt (heute lebt in Korea die zahlenreichste reformierte Gemeinde), die den Einzelnen nicht als Ware sieht. Das ist eines der Erfolgsgeheimnisse der Reformierten, das heute über die Pfingstbewegung weltweit so erfolgreich weitergetragen wird (weltweit gibt es heute gegen 800 Mio. Pfingstler, schnell anwachsend, bald die Römisch-katholische Kirche überbietend). Diese Lehre besagt, dass die Einzelnen weder einer weltlichen noch einer geistlichen Macht unterworfen sind. Deswegen sind Freikirchen oft dem Kalvinismus nahe stehend: Sie unterwerfen sich keiner weltlichen Macht, sondern üben ihren Glauben frei aus. Sie können auch im Untergrund bestehen, und verschwindet hier eine Gemeinde, so blüht sie dort wieder auf.

Die Schwäche des Kalvinismus liegt aber darin, zwischen Luthertum und römisch-katholischer Mehrheitskirche zerrieben zu werden. Für beide gibt er seit Jahrhunderten das ideale Feindbild ab; man denkt, wenn man den Namen Calvin hört, sogleich an Servet und übersieht geflissentlich die Toten an Luthers Wegrand und insbesondere die aus seinem kruden Judenhass gespeiste Shoa. In der politischen Linken dichtet man dem Kalvinismus gerne die Erfindung des Kapitalismus an, obgleich diese von Max Weber vorgetragene These noch von ihm selbst widerrufen wurde. Denn die Würdigung des Individuums, das keiner Macht unterworfen werden darf, geht sowohl dem Kommunismus als auch dem Kapitalismus gegen den Strich.


Wiederverzauberung

Die gegenwärtige ökonomisierte Wirklichkeit geht (wieder) davon aus, dass schlechthin alles mit Geld aufzuwiegen ist. Das zeigte sich schon daran, dass sich auf den ehemaligen 100-Franken-Schein der Schweizer Nationalbank klammheimlich wieder ein Bettler eingeschlichen hat. Es ist nicht nur so, dass wir heute Geld gegen Waren in noch nie dagewesenem Ausmass tauschen. Wir tauschen in einer virtuell gewordenen Bankenwelt Geld sogar gegen Produkte, die es nicht gibt. Wir berechnen die Kosten der Medizin und rechnen mit dem Menschen als einem statistischen Wert. Zwar würde niemand behaupten, den Einzelnen zu einer Zahl und damit zu einer Ware reduzieren zu wollen, und doch tun wir es ständig. Wir sprechen in den Pensionskassen von den guten und den schlechten Risiken und wissen genau, dass es sich dabei um Leben und Lebenserwartung handelt, die wir in Geld aufwiegen müssen. Die Investition in eine Signalanlage wird kalkulatorisch gegen mögliche Verkehrstote abgewogen. Wie viele Tote sind nötig, um eine Ampel einzurichten? Auch unser Sterben am Ende des Lebens wird kostenmässig erfasst, ebenso die Geburt eines behinderten Kindes. Wir insinuieren heute verstärkt, dass es doch auch die Möglichkeit geben muss, vorzeitig aus dem Leben zu scheiden oder gar nicht geboren zu werden. Man spricht dann von der Würde des Menschen und meint das gewiss aufrichtig, und doch schwingen die ökonomischen Schwierigkeiten angesichts der explodierenden Gesundheitskosten mit. Auch Beziehungen werden in Geld aufgewogen. Das banalste Beispiel ist der erfolgreiche Film „ein unmoralisches Angebot“ aus den 1990er Jahren mit Robert Redford und Demi Moore in den Hauptrollen, in dem es dem Multimillionär gelingt, sich wahre Liebe zu kaufen. Wer würde von sich behaupten können, gegen die Erotik des Geldes immun zu sein? Und dennoch wähnt sich der Mensch in Zentraleuropa heute so individualistisch und frei wie niemals zuvor. Doch das ist eine Täuschung, die er sich gerne gefallen lässt. Er lässt sich gerne verzaubern und vorgaukeln, als wäre er frei. Doch die Befreiung der 1968er Jahre scheiterte. Sie hat die Menschen von Bigottie und sexueller Verklemmung befreit, auch von der unterdrückenden Seite von Rollenverständnissen, und gleichzeitig liess sie sie mehr und mehr zu Zahnrädern im System werden, die fleissig drehen und auch in den Ferien online bleiben müssen, damit sie ihren Standard halten oder ausbauen können. Schliesslich müssen sich auch alle ihre vielen Maschinen erhalten, die sie sich erstanden haben und zu deren Bedienung lange Bedienungsanleitungen studiert werden mussten. By the way: „Bedienungsanleitung“ - da ist klar, wer wem dient. Der Mensch ist in den letzten zwanzig Jahren wieder zur Ware geworden und zum Sklaven der Maschinen, der iPhones, der Real-Time.

So leben wir in einer Zeit der Wiederverzauberung, in der der Mensch sich verliert und es kaum merkt.


Zeit für die Reformation

Als Kirchenmann wird es mir niemand verübeln, dass ich gerade in der unbequemen Botschaft des Evangeliums Jesu Christi eine Kraft sehe, die der Verdinglichung allen Lebens das Nein entgegenhält. Nein, nicht das Geld ist das Mass aller Dinge. Auch nicht der Mensch an sich ist das Mass aller Dinge, denn so würde er wieder zu einer Ware. Das Mass, das die Warenform des Menschen bricht, ist die Transzendentalität hinter dem Menschen. Es ist Zeit für die Reformation.