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Hüte dich und bleibe still; fürchte dich nicht, und dein Herz sei unverzagt.

Jesaja 7,4

Der «Geldvermehrer Gottes» sagt Goodbye

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Jahrzehntelang hat Dieter Siegrist die Verwaltung der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt entscheidend mitgeprägt. Mit unternehmerischem Weitblick und grosser Beharrlichkeit sorgte er dafür, dass der Kirche das Geld nicht ausging. Auf seine Initiative geht die Gründung der Bau- und Vermögensverwaltung (BVV) zurück, die er über viele Jahre leitete. Jetzt, nach über 37 Jahren im Dienst der Kirche, zieht sich Dieter Siegrist aus gesundheitlichen Gründen zurück.
Seit 1988 war Dieter Siegrist Kirchenverwalter der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt, daneben Geschäftsführer der Pensionskasse PVK, der Bau- und Vermögensverwaltung BVV und weiterer kirchlicher Stiftungen. Dass er der Kirche während 37 Jahren in finanzieller Verantwortung dienen würde, war nicht absehbar. Die Weichen seiner Laufbahn waren ursprünglich auf eine internationale Managerkarriere gestellt. 1949 in Basel geboren, absolvierte er die zunächst die Handelsschule und dann eine Treuhandlehre. Schon bald wechselte er zur Firma Sterling Drug in London, einer international tätigen US-Pharma-Firma.

Da arbeitete Siegrist im Treasury-Team. Damals begann der Börsenhandel allmählich, auf Computer umzusteigen – vieles lief Ende der 1960er-Jahre aber noch per Zuruf. Es gefiel ihm in London. Doch nach einem Regierungswechsel in Grossbritannien suchte das Unternehmen einen Weg, seinen Hauptsitz in die Schweiz zu verlegen – und erinnerte sich an den jungen Schweizer im Team. Mit 24 Jahren erhielt Siegrist den Auftrag, in Basel einen neuen Unternehmenssitz aufzubauen. Parallel dazu absolvierte er die Ausbildung zum eidgenössisch diplomierten Controller.

Zuhause nur, um den Koffer umzupacken

In Basel baute Siegrist den Schweizer Hauptsitz des Unternehmens auf für das Corporate Accounting Europa – bis zu 20 Mitarbeitende beschäftigte er bald. Sterling Drug machte in Europa einen Umsatz von rund einer Milliarde Franken. Siegrist, direkt der US-Mutter unterstellt, war mit 30 Jahren der jüngste Senior Director im Konzern. «Alles lief so gut, wie es nur laufen kann», erinnert er sich. Siegrist war im Konzern das grosse Talent, das man fördern wollte: «Ich arbeitete Tag und Nacht, ich reiste viel, ich musste die Konzerngesellschaften in Europa besuchen und vertrat das Reporting in den USA. Zuhause war ich oft nur, um den Koffer umzupacken», erzählt er. Seine Kinder, die damals noch klein waren, sah er kaum mehr. «Ich begann mich zu fragen, ob das wirklich mein Leben sein sollte.»

Das war in den 1980er-Jahren. Über persönliche Kontakte zum damaligen Kirchenverwalter Ernst Hermann und Kirchenratspräsident Theophil Schubert kam es zu Gesprächen über einen Wechsel. «Schliesslich haben mich die beiden überzeugt», sagt Siegrist. Das war ein riesiger Schritt. «Die Firma fürchtete, dass ich zur Konkurrenz wechseln würde. Als sie hörten, dass ich zur Kirche gehe, herrschte nur noch grosses Erstaunen», lächelt Siegrist. Seine Frau und die Familie hätten den Schritt begrüsst und nie bereut, «aber es hatte natürlich finanzielle Konsequenzen.»

Steinzeit in der Kirchenverwaltung

Was fand Dieter Siegrist in der Kirchenverwaltung vor? «Steinzeit», sagt er rückblickend. Buchhaltung, Lohnwesen – alles funktionierte noch ohne Computer. Die Kirche beschäftigte sehr viele Mitarbeiter in der Verwaltung und in der Steuerverwaltung.» Als neuer Kirchenverwalter machte Siegrist als Erstes Kassensturz – und musste feststellen, dass die Kirche ein Defizit in der Höhe von drei Millionen Franken schrieb. «Das Eigenkapital reichte noch etwa ein halbes Jahr», erzählt Siegrist, «Wir hatten ein einziges Cash-Konto, manchmal wurde es sogar knapp, um die Löhne zu zahlen.» Die Kirche habe von ihren Rückstellungen gelebt.

Mit Unterstützung der Universität Basel und gemeinsam mit Peter Felber, Franziska Siegenthaler und Peter Breisinger initiierte Siegrist eine Struktur- und Strategieanalyse. Ergebnis war eine umfassende Reorganisation. «Bis 1992 stand die neue Struktur und die Kirche machte keine Verluste mehr. Aber wir konnten uns ausrechnen, dass es weiter abwärts gehen werde, weil die Zahl der Mitglieder weiter zurückging», sagt Siegrist. «Wir schätzten, dass wir ein Handlungsfenster von fünf Jahren hatten, also bis etwa 1997.» Die Synode habe ihm zunächst kaum geglaubt, dass die Kirche kurz vor dem Konkurs stand. «In anderen Kantonen hatten die Kirchen zwar auch Probleme, aber nicht in dieser Grössenordnung, weil da teilweise auch juristische Personen Steuern zahlen oder die Trennung von Kirche und Staat nicht so konsequent gelebt wird wie in Basel.»

Finanzierung nach dem Vorbild der Pensionskasse

Siegrist suchte nach Wegen für eine nachhaltige Finanzierung. «Da ist mir in den Sinn gekommen, dass wir mit Erfolg die Pensionskasse managen. Ich habe mich gefragt, ob die ERK nicht einen ähnlichen Weg beschreiten und ihr Geld ebenfalls professionell anlegen könnte.» Das war die Grundidee der Stiftung Bau- und Vermögensverwaltung BVV. 1998 präsentierte er die Idee dem Kirchenrat: Die ERK sollte gewisse Vermögenswerte und die Bauverwaltung aus der Kirche ausgliedern, damit die BVV mit Startkapital an den Markt gehen und damit arbeiten konnte.

Die Bau- und Vermögensverwaltung BVV startete mit einem Eigenkapital von zehn Millionen Franken. Dank Unterstützung der Banken konnten bald 20 Millionen investiert werden. Siegrist diversifizierte die Anlagen, suchte Bauland und investierte in Immobilien und Aktien. «Schon im Jahr 2000 begannen wir, diversifiziert zu investieren.» Es waren gute Jahre, rasch stellte sich Erfolg ein.

Synode steht auch in der Krise zur Idee

Aber es kamen natürlich auch schwierigere Zeiten. 2001 und 2008 kam es zu ernsthaften Finanzkrisen. Wie würden Kirchenrat und Synode reagieren? «Die ganze Synode stand zur Idee. Das war der schönste Moment meiner Karriere», sagt Dieter Siegrist. Bis 2009 erholte sich die Börse und die Wirtschaft. Die BVV baute weiter aus. Die erste Tiefzinsphase von 2010 spielte dem Konzept in die Hand: Die BVV konnte mit günstigen Hypotheken bauen. «Das war phantastisch», schwärmt Sigrist. «Damals wollte kein Mensch bauen.»

Die Zahlen sprechen für sich: Aus knapp zehn Millionen Startkapital wurden bis heute 115 Millionen Bilanzsumme, davon 60 Millionen Eigenkapital, dies «trotz diversen Ausschüttungen an die ERK», wie Siegrist unterstreicht. Kein Zweifel: Sein Konzept ist aufgegangen – insbesondere dank vieler Mitstreiterinnen und Mitstreitern in der Kirche. Er erwähnt besonders Franziska Siegenthaler, die vor allem in der Verwaltungen ERK respektive in der Pensionskasse «grossartiges leistete», wie Siegrist sagt. «Besonders hervorheben möchte ich die Zusammenarbeit mit den beiden BVV-Präsidenten während meiner Zeit, Bernhard Christ und David Jenny. Die beiden waren Tag und Nacht für mich da. Ein besonders gutes Verhältnis hatte ich mit Lukas Kundert: Immer wieder haben wir die Strategie und die Ethik diskutiert.» Ganz grossen Einfluss auf den Erfolg hatte dann auch Kirchenrat Stephan Maurer als umtriebiger Baufachmann: Er war massgeblich an der Entwicklung des Immobilienportefeuilles beteiligt.»

«Wenn die Kirche in den Nasdaq investiert»

Auch die Medien im In- und Ausland nahmen Notiz. Der «Tages-Anzeiger» berichtete 1998 zunächst kühl von einem «Profit-Center», das die Basler Kirche einrichte: «Seit Jahren laufen den Landeskirchen in Basel die Mitglieder in Scharen davon: Zählte die evangelisch-reformierte Kirche 1960 von 135’000 Mitglieder, so waren es 1990 nur noch gerade 60’000.» Immer leerer seien indes nicht nur «Basels Kirchenbänke, immer leerer ist auch die Kirchenkasse». Vom Rezept gegen diese leeren Kassen berichtete im Jahr 2000 der Berner «Bund» unter dem Titel «Wenn die Kirche in den Nasdaq investiert»: In Basel gehe die Kirche neue Wege bei der Mittelbeschaffung: «Die Mietzinsen ihrer Liegenschaften werden in Aktien angelegt. Und dies mit grossem Erfolg.»

Wenig später berichtete die «Luzerner Zeitung»: «Ein Anlageprofi in Diensten der Basler Kirche verhinderte den Absturz in die roten Zahlen. Mit fetten Börsengewinnen sichert er heute die Finanzen für die Seelsorge.» Der Titel des Artikels: «Der Geldvermehrer Gottes». Jetzt sagt dieser «Geldvermehrer» nach über 37 Jahren «Goodbye»: Am 30. Juni gibt Dieter Siegrist die letzten Funktionen ab. Aus gesundheitlichen Gründen und mit grossem Bedauern. Er könne sich, sagt er, «ein Leben ohne BVV gar nicht vorstellen. Die Bilanz der BVV ist jetzt so gut, dass sie die ERK über Jahre hinweg unterstützen kann.» Er wolle sich «bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bedanken, die meine Ungeduld ausgehalten haben. Es war sicher nicht immer einfach.» Einen besonderen Dank schickt er an Andi Hindemann, den «versierten und grossartigen Münsterbaumeister», an die Mitarbeitenden der Bauverwaltung «und an meine tolle Assistentin Ines Zugno.» Ihnen allen wünsche er einen ruhigeren Chef: «Es war grossartig mit euch, ich werde euch vermissen.»