Button Spendenherz Sonntagszimmer
Button Spendenherz Sonntagszimmer

Hüte dich und bleibe still; fürchte dich nicht, und dein Herz sei unverzagt.

Jesaja 7,4

Luzius Müller: «Wir schenken den Menschen ein Stück Paradies.»

Bild wird geladen...
Im Spital arbeiten viele Expertinnen und Experten. Wer als Patientin oder als Patient im Spital liegt, sieht sich mit entsprechend viel Wissen konfrontiert. Da irritiert es auf den ersten Blick, dass Spitalseelsorger Luzius Müller sagt: «Anders als alle anderen Fachleute im Spital wissen wir nicht besser Bescheid über den Patienten als er selbst. Wir fragen und hören zu: Wer bist Du? Was beschäftigt Dich? Möchtest Du mit mir etwas teilen?» Er habe im Unterschied zu Ärzten oder der Pflege keinen pragmatischen Auftrag: «Wir arbeiten nicht nach dem Schema von Problem und Lösung.» Er versuche, den Menschen offen und stressfrei zu begegnen. Ohne Zeitdruck und Abrechnungspflicht. Pfarrer Luzius Müller versucht, den Patienten so zu begegnen, als hätte er immer Zeit. Er sagt deshalb: «Wir schenken den Menschen ein Stück Paradies.»
Sie sind Spitalseelsorger am Claraspital. Heute ist aber nicht mehr von Seelsorge, sondern von Spiritual Care die Rede. Was ist der Unterschied?

Spiritual Care ist ein Begriff, der schon seit 30 Jahren existiert. Wenn man vor zehn Jahren die Fachleute in einem Spital gefragt hätte, was das ist, hätten die meisten Leute die Schultern gezuckt. Heute ist das angekommen im Alltag. Gerade in einem Tumorzentrum wie dem Claraspital geht es nicht nur um die somatische, also um die körperliche Gesundheit der Menschen, sondern auch um das psychosoziale und spirituelle Wohlergehen. Gesundheitsfachleute haben oft einen sehr engen Fokus auf einzelne Aspekte. Wir Spitalseelsoger kümmern uns nicht um die somatische Gesundheit, sondern widmen uns ganz der Frage, was die Menschen beschäftigt, was sie umtreibt, was sich im Leben verändert; uns geht es um das spirituelle Befinden. Hier im Claraspital ist der Begriff der Seelsorge aber durch die Tradition des Hauses noch gut verankert.

Welche Aufgabe hat die Spitalseelsorge (oder eben: die Spiritual Care) im Umgang mit schwer und unheilbar kranken Menschen?

Es geht nicht nur um schwer erkrankte Menschen. Auch Menschen mit einem guten Verlauf können seelsorgerliche Bedürfnisse haben. Mir ist dabei wichtig, dass Seelsorge ein Angebot ist. Es wurde schon vor vielen Jahren ein Indikationenset für die Spitalseelsorge entwickelt. Ich bin kein Freund davon. Ich glaube, die Indikation für Seelsorge kann nur die Person selbst geben: Der Wunsch, über das zu reden, was die Patientin, den Patienten beschäftigt, das aber keinen Platz hat in der eng getakteten medizinischen Versorgung. Ein Krankenhaus ist ein sehr dichtes System mit vielen komplexen Prozessen. Das kann auch ein Gefühl von Enge erzeugen. Der Körper wird zwar genau überwacht, aber der Mensch mit seinem Erleben bleibt auf der Strecke.

Mit diesem Erleben meinen Sie die Seele?

Der Begriff Seele steht etwas quer in der Landschaft heute. Es geht um die Innenwelt, das persönliche Erleben, die Gefühle, die Vorstellungen. Die Seelsorge hat die Aufgabe, dieser Innenwelt Raum zu geben. Wir treffen immer wieder Situationen an, wo in diesem System eine Enge und eine Belastung entsteht. Da wird viel bestimmt über den Körper. Der betroffene Mensch gibt seinen Alltag auf, übergibt sich dem Spital. Das kann harmlos sein, wenn eine rasche Heilung in Sicht ist. Aber wenn der Normalzustand nicht mehr erreicht werden kann, beginnt eine seelische Auseinandersetzung mit der neunen Situation. Seelsorge – als Angebot verstanden - kann bei dieser Auseinandersetzung helfen. Die Seelsorge steht auch Angehörigen zur Verfügung, denn auch ihr Leben kann sich durch die Erkrankung verändern. Wir erleben manchmal, dass Patienten ihre Angehörigen zu entlasten versuchen, was wiederum für die Patienten belastend sein kann.

Was können Sie als Seelsorger geben, was weder die Medizin noch die Pflege leisten können?

Anders als alle anderen Fachleute im Spital wissen wir nicht besser Bescheid über den Patienten als er selbst. Wir fragen und hören zu: Wer bist Du? Was beschäftigt Dich? Möchtest Du mit mir etwas teilen? Damit geben wir dem Patienten den Lead und ermöglichen ihm, als kompetente Person über sein Leben zu sprechen. Das machen andere Professionen auch. Wir haben im Unterschied zu anderen keinen pragmatischen Auftrag. Wir arbeiten nicht nach dem Schema von Problem und Lösung. Eigentlich ist es umgekehrt: Wir kommen mit leeren Händen. Wir fragen die Patienten, mit was sie uns beschenken möchten. Natürlich geben wir bisweilen einen Segen oder sprechen ein Gebet. Aber manchmal ist es auch umgekehrt.

Dann wäre die Frage, was Seelsorge Krebskranken in einer existenziellen Krise konkret bringt, fehl am Platz?

Ja. Das kann sich immer nur in der einzelnen Situation ergeben. Ich sage meinen Praktikantinnen und Praktikanten immer, dass ich möglichst wenig wissen möchte, wenn ich einer Patientin, einem Patienten begegne. Ich möchte in ein Zimmer gehen und bei Null beginnen: Wer sind Sie? Was beschäftigt Sie? Ich habe Gespräche, in denen es kein bisschen um Medizinisches geht. Ich muss in jeden Fall wieder neu herausfinden, was Seelsorge hier und jetzt bedeutet. Es gibt keine universelle Methodik oder einen Fragebogen, den ich abarbeiten kann.

Gibt es Situationen, in denen Seelsorge an ihre Grenzen stösst?

Ich würde mal so sagen: Die Grenzen setzt das Gegenüber, in dem er oder sie entscheidet, über was wir reden. Ich denke an einen Patienten mit einer Tumorerkrankung, der eine sehr schlechte Prognose hat. Er spricht aber immer wieder über die Möglichkeit einer spontanen Heilung. Soll ich ihn in seiner Hoffnung belassen? Soll ich ihn mit der Statistik konfrontieren? Die Ärzte sagen ihm, wie es um ihn steht. Mir bleibt, ihn zu spiegeln. Er kann selber reflektieren, was er braucht. Ich dringe nicht auf ihn ein und konfrontiere ihn nicht. Wir sind nicht in einer Therapiesituation: Die Seelsorge ist keine Therapie. Natürlich greife ich seine Andeutungen auf, frage nach, aber ich überlasse es der Person, ob er etwas ausführen möchte.

Was unterscheidet die Seelsorge von einer Therapie?

Anders als in einer Therapie, wo man zuerst das Problem oder die Störung benennt und sich dann damit auseinandersetzt, gibt es bei der Seelsorge keine inhaltliche Vereinbarung. Wir machen kein Thema ab und suchen kein Problem, das wir angehen wollen. Ich bin Seelsorger und stehe mit meiner Zeit zur Verfügung. Der Patient kann das für sich in Anspruch nehmen. Ich schaffe Offenheit in einer Situation, die sonst eng und verplant ist. Psalm 31, Vers 9: «Du stellst meine Füsse auf weiten Raum.» Du bestimmst, was ich von dir hören soll. Das können auch Menschen in Anspruch nehmen, die nicht schwer erkrankt sind, die dem Positiven in ihrem Leben Raum geben möchten. Natürlich besteht die Gefahr, dass wir Smalltalk machen, aber wer soll das bewerten? Gerade in einer Krisensituation können alltägliche Dinge wichtig sein.

Bringt eine lebensbedrohliche Krankheit Menschen eher zurück zur Religion oder führt sie häufiger zu Zweifel, Distanz oder Verbitterung?

Es gibt alles. Es gibt Menschen, die sehr religiös sind und dann die Welt nicht mehr verstehen, wenn sie krank werden. Sie verstehen nicht, dass ausgerechnet sie betroffen sind. Das erschüttert ihr Weltbild. Es gibt nicht-religiöse Menschen, die plötzlich religiös reden. Es gibt aber auch viele Menschen, die wissen, dass ihre Krankheit sie nicht trennt von dem, was ihnen religiös wichtig ist. Wir sind im Spital die Spezialisten für religiöse Fragen. Wir sind in eben diesen Situationen als Seelsorger gefordert, zuzuhören und entgegenzunehmen. Im Idealfall bringen wir die Patienten dazu, uns von ihrer Hoffnung zu predigen.

Wie gehen Sie mit Menschen um, die wütend sind auf Gott, auf das Leben oder auf sich selbst?

Wut artikuliert sich selten. Das hat auch damit zu tun, dass schwer kranke Menschen oft gar keine Kraft mehr haben, wütend zu sein. Gerade bei schweren Erkrankungen beginnt nach der Diagnose sofort eine sehr intensive Behandlung. Der Alltag ist dann vollgepackt mit Untersuchungen und Therapien. Wut hat da kaum Platz. Seelsorge kann in diesem Moment die Gelegenheit zum Unterbruch bieten: Bei uns haben Fragen Platz. Zum Beispiel die Frage, warum Gott das zulässt. Diese Frage ist ein Ausdruck von Klage, von Wut. Oft kommt dann auch die Relativierung: Ich weiss, dass es anderen noch schlechter geht. Wenn jemand denkt, dass Krankheit eine Folge von Schuld ist, dann frage ich nach und diskutiere auch mit den Betroffenen darüber.

Wie funktioniert Seelsorge bei Menschen, die keinen religiösen Zugang haben?

Es entscheidet immer die Person selbst, ob sie ihren Glauben zum Thema machen möchte. Vielleicht wünscht sich eine Person, nicht über ihren Glauben zu sprechen, sondern mit uns direkt religiös zu praktizieren z.B. durch ein gemeinsames Gebet. Aber auch nicht religiöse Menschen haben eine innere Welt. Ein seelsorgerliches Gespräch muss nicht von Religion handeln. Ich habe gerade eine Patientin, die zwar nach dem Seelsorger gefragt hat, aber sofort klargestellt hat, dass sie nicht religiös sei. Sie entscheidet, was das Thema ist. Sie hat dann die Zeit genutzt, um von ihrer Situation und ihren Angehörigen zu erzählen, die sie hier nicht besuchen können. Sie wollte loswerden, was sie beschäftigt.

Ist Seelsorge also eine Art «Plauderkasse» im Spital?

Gespräche sind aus seelsorgerischer Sicht nie nur durch den Inhalt bestimmt, sondern vor allem durch die beteiligten Personen. Ob ich einen Traum mit meiner Frau oder mit einer Schuhverkäuferin teile, sind zwei völlig unterschiedliche Dinge – auch wenn die Worte genau gleich sind. Die Schuhverkäuferin wäre wohl sehr erstaunt, wenn ich ihr von einem Traum erzähle. Ich stelle mich den Menschen als Pfarrer bzw. Seelsorger vor, daraus entwickelt sich dann ein Gespräch. Mir ist wichtig, dass ich den Patientinnen und Patienten unvoreingenommen begegne. Die Seelsorge besteht darin, diese Gelegenheit zu schaffen.

Predigen Sie am Bett?

Es kommt immer wieder vor, dass mich Patienten fragen, was ich ihnen predigen wolle. Sie sind dann erstaunt, wenn ich umgekehrt sie frage, was sie mir erzählen wollen. Meine Rolle ist gerade das umgekehrte der klassischen Predigerrolle. Wer predigt, hält eine Rede vor Menschen, die er möglicherweise nicht kennt. In der Seelsorge ist es genau umgekehrt: Die Person spricht zu mir. Sie erzählt von Glaube und Hoffnung, von Angst und Sorge und ich bin die «Gemeinde», die zuhört. Die Person weiss, dass ich ein Amt in der Kirche habe, aber sie kennt mich nicht persönlich – und das ist gut so.

Wie viele Patienten besuchen Sie?

Unser Stellenschlüssel ist nicht so ausgelegt, dass wir alle Patienten besuchen können. Wir werden von Patienten, ihren Angehörigen oder von Pflegefachpersonen beigezogen. Dabei gibt es keine Indikation: Jetzt musst Du. Es entscheidet sich im Moment der Begegnung, was passiert, ob die Patientin, der Patient sich mitteilen möchte. Es sind wohl fünf bis zehn Prozent der Patienten, die das einmal oder mehrfach in Anspruch nehmen.

Messen Sie den Erfolg?

Wir müssen spüren, ob wir einen guten Kontakt zum Gegenüber finden, ob jemand mit uns reden möchte. Und natürlich kommt es vor, dass eine Patientin, ein Patient nicht reden kann, weil es ihm oder ihr zu schlecht geht. Dann suchen wir einen anderen Zeitpunkt. Das ist wichtig: Der Patient muss sich nicht nur psychisch, sondern auch physisch in der Lage fühlen, ein Gespräch zu führen. Mit schwerkranken Menschen dauern Gespräche deshalb manchmal nur zehn oder fünfzehn Minuten. Auch Untersuchungen etc. können die Menschen stark in Anspruch nehmen. Dem müssen wir Rechnung tragen.

Was fordert Sie persönlich am meisten in diesen Begegnungen?

Für mich ist wichtig, dass ich jemanden ganz offen und stressfrei besuche. Je mehr ich durch Administration oder zeitliche Taktung gefordert bin, desto weniger kann ich mich dem Menschen wirklich widmen. Das ist auch immer wieder ein innerer Kampf: Ich muss mich und meine Agenda selbst zurücknehmen. Wir schenken den Menschen ein Stück Paradies. Sie müssen sich wohl fühlen und so von ihrer Situation erzählen können, als wäre nichts akut. Das ist nicht einfach in einer Institution, in der viel Betriebsamkeit herrscht. Ich versuche, den Patienten so zu begegnen, als hätte ich immer Zeit. Das ist eine Herausforderung.

Wie gehen Sie persönlich mit Sterben und Tod um?

Sterben und Tod, das ist eine Realität, die uns alle betrifft. Es ist aber ein Unterschied, ob ein Mensch in jungen Jahren aus dem Leben gerissen wird, oder ob eine Krankheit im höheren Alter auftritt. Ich bin froh, dass das Claraspital ein Haus für Erwachsene ist. Wenn ich mit Kindern arbeiten müsste, wäre das eine Überforderung. Viele Menschen, die bei uns Sterben, haben schon ein hohes Alter. Das ist immer auch traurig, aber nicht tragisch, wie der Tod eines Kindes. Jedes Leben endet mit dem Tod. Es ist auch eine Funktion der Seelsorge, der Gesellschaft ab und zu in Erinnerung zu rufen, dass das Leben endlich ist. Es ist wichtig, dass wir den Tod nicht ausblenden und negieren. Der Tod gehört zum Menschsein dazu. Das sage ich nicht den Betroffenen im Spital, sondern der Gesellschaft, die das bisweilen zu vergessen scheint.

Was gibt Ihnen Kraft für diese Arbeit?

Mir gibt Kraft, dass ich hier in einem Haus arbeite, wo etwa tausend Profis in ihrem Fach tätig sind. Ich weiss, dass ich mich auf das Gespräch konzentrieren kann, weil für alles andere gesorgt ist. In meiner Rolle als Universitätsseelsorger ist das anders. Ausserdem ist mir wichtig: Wir Spitalseelsorger haben eine sehr gute Ausbildung. Dazu gehört ein Studium, ein Vikariat und eine Spezialausbildung in Spiritual Care. Das gibt Halt.

Warum braucht es dafür ein Theologiestudium?

Erstens für mich selbst. Damit ich mit den Extremsituationen umgehen kann, denen ich begegne, brauche ich ein profundes Wissen darüber, wie man Welt deuten und Glauben behalten kann. Ich glaube daran, dass es hinter dem Chaos, in das Menschen manchmal geraten, eine Ordnung gibt, die uns hält. Das ist für mich wichtig. Das andere ist: Ein Theologiestudium gibt einem die Sicherheit in der Begegnung mit Menschen offen zu bleiben. Es ist in der Seelsorge sehr wichtig, dass wir diese Offenheit behalten und nicht meinen, Menschen Antworten geben zu müssen, die sie selbst für sich vielleicht noch nicht gefunden haben. Die Kompetenz besteht in solchen Momenten darin, Schweigen zu können, eine offene Frage stehen zu lassen und zuversichtlich zu sein, dass die Antwort sich zur rechten Zeit einstellen wird. Dafür ist ein theologisch breites Studium hilfreich, das mir zeigt, wie viele Formen von Religiosität und Frömmigkeit es gibt. Wenn ich im Spital Menschen mit anderen Glaubensvorstellungen begegne, muss ich diese nicht korrigieren, sondern kann sie als eine Möglichkeit entgegennehmen. Es verunsichert mich nicht.

Luzius Müller
Luzius Müller (1969), hat zunächst in Basel Chemie studiert und dann einige Jahre in der Forschung gearbeitet. Danach hat er in Basel und Heidelberg Theologie studiert. Interesse für Medizin und Bioethik, Promotion, parallel dazu Arbeit als Spitalseelsorger und Ausbildung in Spiritual Care. Heute arbeitet er hauptamtlich am Universitätspfarramt und daneben als Seelsorger im Claraspital.

Spitalseelsorge Spende (Foto: Matthias Zehnder)